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Mit Gravelbike und Bahn in 9 Tagen nach Afrika und zurück

Eine Radreise ist immer eine gute Idee, oder etwa nicht? Diese Art zu reisen ist nachhaltig und voll von Abenteuern. Ferne Ziele sind auf dem Rad jedoch meist nicht drin – es sei denn, man hat viel Zeit oder entflieht der Heimat zunächst per Auto oder Flugzeug. Mit dieser Reise wollte ich den Beweis antreten, dass es auch anders geht. Es sollte eine Reise mit weit entferntem Ziel sein. Aber es sollte auch eine möglichst nachhaltige Reise sein, die zudem jeder nachmachen kann und die als Urlaub, nicht als Tortur funktioniert. Dieser Plan kam dabei heraus: Ich fahre ohne Auto und ohne Flieger in neun Tagen nach Afrika und zurück – ob das möglich ist?

Eines war klar: Das kann nur funktionieren, wenn ich mir helfen lasse, denn allein per Fahrrad würde die Zeit niemals reichen. Als Partner für die Reise verbündete ich mich mit der Bahn in altbekannter und total charmanter Form eines Interrail Tickets. Die Idee dieses Tickets ist alles andere als neu und diente bereits in den wilden 1968er Jahren einer ganzen Generation als Identifikationsmittel gegen den dekadenten Lebensstil ihrer Eltern. Heute ist es ein bisschen in Vergessenheit geraten, aber nach wie vor eine geniale Grundlage, günstig und nachhaltig durch Europa zu Reisen. Aber in neun Tagen nach Afrika und zurück?

Ich begann zu planen. Welches Fahrrad nehme ich? Wie nehme ich es im Zug mit? Welche Taschen montiere ich und was passt alles hinein? Wo schlafe ich und was, wenn mal was schiefläuft? Eine Menge Fragen, die mit viel Planung und Recherche beantwortet wurden. Das schürte bereits im Vorfeld die Vorfreude und dann, endlich, ging es los.

Radbekleidung und Ausrüstung für Bikepacking und Gravel
Sieht mehr aus, als es ist. Erstaunlich, mit wie wenig man zurechtkommt. Beim Packen in die Bikepacking Taschen wird es dennoch eng.

Das Abenteuer beginnt

Ich traf meinen Mitreisenden Daniel früh morgens am Dortmunder Hauptbahnhof. Wir waren aufgeregt und gespannt darauf, was uns in den kommenden neun Tagen erwarten würde. Vor allem aber waren wir in diesem Moment ein bisschen in Sorge, ob die Zeit reicht. Wir hatten noch 20 Minuten, bevor unser erster Zug einfuhr. In dieser Zeit mussten wir zum ersten Mal auf dieser Reise unsere Fahrräder verpacken. Uns war klar, dass wir damit im Laufe der nächsten neun Tage Routine bekommen würden, denn das Verpacken unserer Räder war Kernbestandteil unseres Reisekonzepts. So erhofften wir uns nämlich, dass wir die Bikes kostenlos und ohne Extrabuchung als Handgepäck mit in jeden Zug nehmen könnten. Das ist – zumindest theoretisch – auch im Ausland möglich und wichtig für unsere Planung. Denn im Interrail-Buchungsportal lassen sich keine Fahrradplätze reservieren, die zwingend notwendig wären, wenn wir die Bikes unverpackt mitnehmen wollten. Natürlich hatten wir zuvor „geübt“ und waren tatsächlich innerhalb von zehn Minuten abfahrbereit. Unsere Fahrräder waren nun verpackt kaum größer, als ein großer Koffer – wenn auch etwas unhandlicher. Die Sattel- und die Rahmentasche demontierten wir schnell, damit wir alles Wichtige bei uns am Platz hatten, während wir das Fahrrad im Gepäckabteil des Zuges zurücklassen würden. Der ICE fuhr ein, wir verstauten unser XL-Gepäck, nahmen Platz, lehnten uns zurück und freuten uns auf eine großartige Reise. Next Stop: Paris.

Die Radreise startet am Bahnhof
Und so sieht’s aus, wenn alles verpackt und ready to go ist.

Tipps: Reisen mit Rad & Bahn:

  • Wenn man das Fahrrad etwas auseinandernimmt (wir haben beide Räder ausgebaut), passt es problemlos in eine Transporttasche, wie die von TranZbag. Diese kann man in der Regel als Handgepäck mitnehmen. In vielen Zügen ist das sogar offiziell erlaubt. So zum Beispiel beim französischen TGV.
  • Wer sein Fahrrad nicht auseinandernehmen möchte, muss für die meisten Schnellzüge einen Fahrradstellplatz buchen. Das kostet extra, macht die Sache aber natürlich etwas komfortabler. Das funktioniert aber nur, wenn man nicht per Interrail-Ticket verreisen möchte. Die Interrail-Buchung sieht keine Mitnahme von Fahrrädern vor. Wer alle Vorteile des Interrail-Tickets nutzen möchte (insbesondere den günstigen Preis), kommt also nicht umhin, sein Rad zu verpacken.
  • Viele Züge im Ausland sind deutlich enger, als der deutsche ICE. Darum macht es wirklich Sinn, zu Hause ein bisschen zu „üben“ und das Fahrrad möglichst klein zu verpacken.

Express-Touristen in Paris

Eigentlich bin ich kein Sightseeing-Typ. Große Städte langweilen mich schnell. Schlimmer noch: Sie nerven mich. Einmal hindurchfahren ist okay, viel mehr brauche ich nicht. Dieses Mal sollte es anders sein. Ich wollte mir in Paris ein bisschen Mühe geben. Schließlich sind wir ja im Urlaub und da gehört Sightseeing doch dazu. Also bauten Daniel und ich uns mit dem Routenplaner eine hübsche Tour durch die Stadt zusammen, die an verschiedenen Sehenswürdigkeiten vorbeiführte. Das Ergebnis war großartig! Vom Rad aus hat man ohnehin eine andere Sicht auf die Dinge. Wir waren schneller unterwegs, als jedes Auto und jede U-Bahn uns durchs Chaos der Großstadt hätten befördern können und wir waren dabei auch noch an der (relativ) frischen Luft. Wir atmeten die Atmosphäre der Großstadt ein und fühlten Paris mit allen Sinnen.

Gravel Radfahrer vor der Champs Élysée
Die großen Highlights von Paris muss man natürlich auch gesehen haben. Für Radfahrer besonders spannend: Die Champs Élysée, auf der sich Martin und Daniel gerade die Zieleinfahrt der Tour de France vorstellen.

Die Champs Élysée, der Arc de Triomphe, der Louvre, das Panthéon und natürlich der Eiffelturm – selbst an eher unbekannten Highlights wie dem „Green House“ mit seiner bewachsenen Fassade führte uns unsere Route eher zufällig vorbei. Ehrlich gesagt waren die engen, unbekannten Gassen das heimliche Highlight unserer kleinen Paris-Tour. Zu Fuß hätten wir dafür den ganzen Tag gebraucht, mit dem Fahrrad waren wir in wenigen Stunden fertig. Und selbst die Fahrt zum Hotel war Teil unseres Sightseeings. Im Hotel selbst konnten wir die Räder problemlos mit aufs Zimmer nehmen, gleich nebenan sorgte ein Biosupermarkt für unser leibliches Wohl. Sightseeing in der Großstadt? Warum nicht, aber bitte mit dem Rad und ganz ohne Stress.

 

Tipps: Mit dem Fahrrad durch die Großstadt

  • Plan die Rundfahrt vorher (zum Beispiel mit Komoot). Dann kannst du dich voll und ganz auf den Verkehr konzentrieren, was in jeder Großstadt eine gute Idee ist.
  • Such dir ein fahrradfreundliches Hotel ein bisschen außerhalb. Das ist außerhalb des Zentrums deutlich einfacher und vor allem deutlich günstiger. Mit ein bisschen Glück (oder guter Recherche) gibt’s in der Nachbarschaft gute Restaurants und Geschäfte. Wir waren mit der Lage unseres Hotels im Stadtteil Clichy sehr zufrieden.
  • Plane ausreichend Zeit für die Fahrt zum Bahnhof ein. Der Verkehr in großen Städten wie Paris wird gern unterschätzt. Er kostet viel Zeit. Ebenso die teils fremden Abläufe an den mitunter riesigen Bahnhöfen der Großstadt.
  • Keep Cool! Plane immer genug Zeit ein. Die kannst du dir in einer Stadt wie Paris stets gut vertreiben, falls du mal eher fertig bist.

Eng, aber gemütlich

Nach diesem schönen Aufenthalt in Paris konnte unser Abenteuer so richtig beginnen. Von hier wollten wir mit dem Schnellzug nach Hendaye und mit dem Nachtzug weiter nach Lissabon fahren. Dort sollte die Radtour endlich richtig starten. Noch ahnten wir nicht, dass wir heute einige Male richtig ins Schwitzen kommen sollten. Schuld daran waren die beengten Platzverhältnisse in den Zügen, die wir so nicht erwartet hatten. Scheinbar wurden die Züge immer enger, je weiter wir gen Süden kamen. Im TGV von Paris aus fanden wir zum Glück noch einen Platz für unsere Fahrräder. Der Schaffner des Nachtzuges wollte uns jedoch gar nicht erst einsteigen lassen, weil er sich sicher war, dass der Platz im Abteil nicht ausreichen würde. Wir durften uns sogar ein Bild davon machen und mussten ihm beipflichten: In das gebuchte Viererabteil würden wir samt Fahrräder niemals reinpassen, wenn noch zwei weitere Fahrgäste hinzukamen. Nach einigem Hin und her stellte sich glücklicherweise heraus, dass wir das Viererabteil für uns allein hatten – das war knapp! Wir atmeten tief durch. Gerade noch völlig gestresst, jetzt tiefenentspannt freuten wir uns auf unsere Fahrt nach Lissabon. Begleitet vom regelmäßigen Rattern des Zugs auf den Gleisen schlummerten wir schon bald ein…

Tipps: Mehr Platz fürs Fahrrad – aber wie?

  • Versuchte, möglichst schnell in den Zug einzusteigen, um als Erste/r einen Überblick zu bekommen und um noch einen Platz in der Gepäckablage zu erwischen. Das ist zwar einmal kurz ein bisschen stressig, hat aber bei uns immer funktioniert (mit Ausnahme des Nachtzugs).
  • Eine entspanntere Lösung könnte die Buchung eines 1. Klasse Tickets sein. Das geht auch mit dem Interrailticket. In der 1. Klasse ist in den meisten Zügen mehr Platz. Natürlich wird die Reise dadurch ein bisschen teurer, aber dafür auch komfortabler.
  • Für unseren Nachtzug ließ sich per Interrail nur ein 4er Abteil buchen. Wir hatten Glück, darauf würden wir uns aber kein zweites Mal verlassen. In diesem Fall würde ich tatsächlich empfehlen, den Nachtzug regulär zu buchen. Ein 2-Personen-Abteil (sofern ihr zu zweit unterwegs seid) oder eben ein „Einzelzimmer“. Grundsätzlich waren die Zugbegleiter sehr entspannt, die Fahrräder an sich waren überhaupt kein Problem. Auf diese Weise wird der Nachtzug zwar deutlich teurer, dafür sparst du dir aber auch ein Hotelzimmer, was die ganze Sache relativiert.

Frühling mitten im Winter – Radeln am Atlantik

Hallo Lissabon! Schon der Ostbahnhof, an dem uns der Nachtzug früh morgens ausspuckte, war ein echtes Highlight. Das Internet hatte uns diesen Bahnhof bereits als einen der architektonisch schönsten in ganz Europa angepriesen – und es hatte nicht zu viel versprochen.

Nun wechselten wir also von der Schiene aufs Fahrrad. 165 Kilometer standen heute auf dem Plan. Von Lissabon aus wollten wir mehr oder weniger parallel entlang der Atlantikküste gen Süden radeln. Ziel war die Ferienunterkunft unseres Radfahrkumpels Martin, der uns heute Nacht ein Dach über dem Kopf bieten würde und uns sogar ein Stück entgegenradeln wollte. Nach einer kurzen Rundfahrt durch Lissabon ging es endlich los. Ein kurzes Stück Straße, dann bog unsere Route auf einen losen Sandweg ab. Echtes Abenteuerfeeling stellte sich ein.

Mit dem Gravelbike zum Bikepacking in Portugal
Und dann ging es endlich los! Das Abenteuer konnte nun auch auf dem Fahrrad richtig beginnen.

Wir fuhren vorbei an Palmen und durch kleine, gemütliche Ortschaften mit fremden Namen. Wir genossen herrliche Ausblicke auf die hügelige Landschaft, die immer wieder den Blick auf den Atlantik freigab. Wir holperten über Kopfsteinpflasterstrecken, die kaum fahrbar waren und genossen schnelle Abfahrten, auf denen uns die frische Luft uns Gesicht wehte. Es war perfekt – schöner konnte ein Urlaub auf dem Rad nicht sein. Vor zwei Tagen waren wir noch im deutschen Winter gefangen, heute ließen wir uns die portugiesische Frühlingssonne auf den Pelz scheinen.

Zwei Gravel Radreisende sitzen auf einem Steg
Ein Stopp im Reisfeld, der ist immer drin!

Dazu gehörte auch eine original portugiesische Siesta – auch, wenn diese eigentlich so nicht geplant war. Hätten wir die Fahrpläne der Fähren auf unserer Route mal ein bisschen besser studiert. Nun saßen wir hier im Hafen von Setúbal und warteten. Wir sonnten uns, gönnten und einen Snack, beobachteten die Tauben und genossen den menschenleeren Hafen, der im Sommer mit Sicherheit ziemlich überfüllt ist. Zum Glück hatte Daniel genug Sonnencreme eingepackt, sodass ein schmerzhaftes Andenken an die erste Radetappe unserer Reise ausblieb. Schließlich kam die Fähre doch noch und es konnte weitergehen. Am Ende des Tages erreichten wir gemeinsam mit unserem Kollegen Martin glücklich, aber ausgepowert den kleinen Ort Milfontes, wo wir zufrieden im Wohnzimmer eines Ferienhauses unser Nachtlager aufschlugen.

Drei Gravelbiker im Morgengrauen in Portugal
Perfekt: Hinter Santiago do Cacém führte die Route durch eine herrliche Hügellandschaft, die vom Licht der untergehenden Sonne von einem zauberhaften Schleier umhüllt wurde.

Tipps: Die Tourplanung

  • Nutze einen bewährten Routenplaner. Wir haben uns auf komoot verlassen und waren sehr zufrieden damit. Wenn du keine Lust auf große Straßen hast, empfehle ich die Einstellung „Fahrrad mit Schotter“. Wenn du ein echtes Abenteuer willst, nimm „Mountainbike“. Beachte nur: Je mehr du „offroad“ fährst, desto länger dauert es.
  • Berücksichtige die mitunter „andere“ Mentalität der Autofahrer in anderen Ländern. In Portugal sind Radfahrer in vielen Gegenden außerhalb von Städten eher eine Ausnahme. Rechne also nicht mit zu viel Verständnis für dich. Am besten fährst du eher „platzintensiv“. So wirst du besser beziehungsweise früher gesehen und hast im Fall des Falles genug „Puffer“, um auszuweichen.
  • Suche dir vorab die genauen Fahrpläne der Fähren heraus, die auf deiner Route liegen. Das kann dir mitunter viel Zeit sparen. Im Internet findest du in der Regel alle nötigen Infos. Im Übrigen waren die Fähren entlang unserer Route sehr modern – Kartenzahlung war auch kein Problem.
  • Pack die Sonnencreme ein – ein kleines, aber feines Detail fürs Reisegepäck.

Abenteuer wie im Wilden Westen

Der nächste Tag begann mit einem wunderschönen Sonnenaufgang direkt an der Atlantikküste. Es war einfach nur „wow“! Beschwingt von diesem herrlichen Anblick machten wir uns auf den Weg. Wir waren nun wirklich im Urlaub angekommen: Die Sonne schien und die Landschaft war so völlig anders, als zu Hause. Über manchmal größere Straßen, meist aber auf kleinen, kaum befahrenen Landstraßen radelten wir gemütlich in Richtung Süden. Unser erstes Etappenziel hieß „Santa Clara Saboia“. Hier wollten wir in einen Zug umsteigen, der uns nach Faro bringen sollte. Je näher wird jedoch dem Ort kamen, desto öfter stellten wir uns die Frage: Sind wir noch richtig? Die Straße wurde immer enger, bis sie schließlich in einen Lehmpfad mündete, der wenig später zu einem losen, ausgewaschenen Schotterweg wurde. Und genau dieser Weg führte uns direkt zu einem einsamen Gebäude, der sich als Bahnhof entpuppte. Wir kamen uns ein bisschen vor wie in einem Wildwest-Film, es fehlten nur die vom Winde verwehten Steppenhexen. Neben dem Bahngleis stand ein sehr alter Mann mit Stock und blickte recht anteilnahmslos in die Gegend – bis er uns sah. Sogleich nutze er seine Chance, uns in ein Gespräch zu verwickeln, was allerdings an der Sprachbarriere scheiterte und in einem lustigen Wedeln mit Händen und Füßen endete. Immerhin fanden wir so heraus: Hier hält ein Zug. Genau einmal am Tag. Und er hat sogar ein Fahrradabteil!

Mit Radtaschen bepackte Gravelbikes am Bahnhof in Portugal
Der kleinste, aber auch coolste Bahnhof des Trips. Das hier tatsächlich ein Zug hielt, kann man nach wie vor als echtes Glück bezeichnen. Der alte Mann hat’s gewusst.

Nach diesem spannenden Erlebnis konnten wir erstmal durchatmen und ein wenig verschnaufen. Es warteten heute noch zwei weitere Radetappen und eine finale Zugfahrt auf uns. In der Planung musste ich das so „zusammenstückeln“, weil wir heute über die Grenze von Portugal nach Spanien fahren wollten und es in dieser Gegend keine durchgehende Zugverbindung gibt. Das machte uns aber nichts aus: So blieb es stets spannend, es war das pure Abenteuer. Der Tag hatte sogar noch eine verhängnisvolle Überraschung für uns parat: Unterwegs erfuhren wir, dass zwischen Portugal und Spanien nicht nur eine Grenze, sondern auch eine Zeitverschiebung von einer Stunde lag. So sehr wir auch strampelten: Diese Stunde fehlte uns am Ende, sodass wir den letzten Zug unmöglich bekommen konnten. Also fuhren wir einfach weiter, bis es dunkel wurde und nahmen uns in Huelva ein Hotelzimmer, in dem wir den Abend damit verbrachten, einen Plan B auszutüfteln.

Mit Radtaschen bepackte Gravelbikes am Straßenrand
Ratlosigkeit am Abend. Wegen der Zeitverschiebung zwischen Spanien und Portugal musste ein Plan B her…

Tipps: Was, wenn mal etwas schiefläuft?

  • Es kann immer mal etwas passieren – trotz guter Vorbereitung. Ob ein Zug wirklich kommt, kann man im 3.000 Kilometer entfernten Zuhause unmöglich genau vorhersehen. Und eine „kleine“ Zeitverschiebung übersieht man vielleicht einfach mal. Aber genau so etwas gehört zu einem Abenteuer dazu. Darum lauten meine Tipps: Gib dir Mühe bei der Recherche, rechne aber auch damit, dass es etwas anders kommen kann. Plane immer einen kleinen Zeitpuffer ein. Sei nicht traurig, wenn etwas ausfällt – dafür passiert etwas Anderes. Bleibe locker und vor allem: behalte deine Gute Laune.
Ein Gravelbike bepackt mit Bikepacking Radtaschen
Martin’s Bike samt Beladung.

Hallo Afrika!

Je weiter wir in Richtung Süden kamen, desto mehr wurde uns klar: Ja, wir fahren wirklich nach Afrika! Die wunderschöne Küstenregion mit ihren verlassenen Urlaubsorten, fast menschenleeren Stränden, optimalen Radfahrtemperaturen und beinahe autofreien Straßen trugen ihren Teil zu unserem Wohlbefinden bei. Im Februar ist es hier herrlich ruhig – ich wollte mir jedoch nicht vorstellen, was hier im Sommer los ist. Allein die Anzahl der jetzt noch leeren Parkplätze und geschlossenen Imbissbuden ließ darauf schließen, dass wir uns genau die richtige Reisezeit ausgesucht hatten. Irgendwann fuhren wir nach einer langgezogenen Kurve eine kleine Hügelkuppe hinauf – oben angekommen offenbarte sich uns eine atemberaubende Aussicht auf einen schönen Küstenort und auf den Atlantik, dessen frische Brandung dem azurblauen Wasser wunderschöne weiße Akzente verlieh, die sich anschließend im strahlenden Sand des Strandes verloren. Doch das wahre Highlight dieser Aussicht war weiter weg: Am Horizont zeichneten sich hinter dem Meer die Umrisse einer hügeligen Landschaft ab – Afrika war in Sichtweite! Wieder so ein Wow-Moment, der einfach unvergesslich ist. Jetzt hatten wir das Ziel unserer Reise im Visier, quasi direkt vor unserer Nase. Es war ein echter Motivationsschub, der uns dabei half, die letzten anstrengenden Kilometer über zwei steile Berge mit holprigen Schotterstraßen und sogar ein paar ausgesetzten Trampelpfaden zu überwinden. Wir erreichten den Surfer-Ort Tarifa, der bereits in das warme Licht der untergehenden Sonne getüncht war und unsere Vorfreude auf unseren Abstecher auf den Nachbarkontinent nur noch steigerte. Die Fähre brachte uns schnell rüber und dann war es geschafft: Wir waren in Afrika!

Wir erlebten einen spannenden Abend in der großen Hafenstadt im Nordwesten Marokkos. Die engen Gassen der Altstadt waren erfüllt vom Tumult der Straßenhändler, von fremden Gerüchen, bunten Gewändern und lauten „Marktschreiern“ auf Touristenfang. Wir kamen uns vor, wie in einem Märchen aus tausend uns einer Nacht, rollten ein bisschen herum und gönnten uns ein leckeres Abendessen.

Abendstimmung auf der Radreise in Tanger
Märchenhafte Stimmung in Tanger.

Dann begaben wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz, was deutlich schwieriger war, als geplant. Denn der kleine Wald am Stadtrand entpuppte sich als Garten des Königspalastes, dessen Nachtwächter wenig motiviert wirkten, zwei Radreisenden Unterschlupf zu gewähren. Also mussten wir noch ein Stück weiter rausradeln, um endlich einen ruhigen Platz für uns und unser Zelt zu finden. Fernab der großen Stadt genossen wir so die Ruhe über Afrika. Es war so einfach, so friedlich und doch so fantastisch! Der Plan hatte funktioniert. Gute Nacht Afrika.

Radreise Zelt in der Natur
Die spannendste Nacht des Trips: Camping in Afrika.

Tipps: Mal eben schnell nach Afrika?

  • Grundsätzlich ist eine Überfahrt nach Afrika „kein großes Ding“. Allerdings ist die Fahrt mit der Fähre (rund 45 Minuten) recht teuer, sodass es Sinn macht, etwas mehr Zeit einzuplanen, als wir es getan haben.
  • In Afrika ist (bei den meisten Verträgen) Schluss mit online. Also am besten alles vorher recherchieren, Karten herunterladen und davon ausgehen, dass man weder telefonieren noch mal eben schnell etwas googeln kann. So ist das eben bei einem Abenteuer.
  • Ursprünglich wollten wir noch etwas länger in Afrika bleiben, allerdings war die Zeit dafür am Ende zu knapp. Geplant war ein kleiner Bikepacking Trip von Tanger nach Ceuta. Von dort aus kommt man per Fähre direkt nach Algeciras.
  • Wildcampen in Afrika? Wir haben es einfach gemacht und hatte keine Probleme. Grundsätzlich waren die Einheimischen uns Radreisenden gegenüber neugierig, freundlich und aufgeschossen, insbesondere Polizisten. Vermutlich ist es wie überall: Solange man sich unauffällig verhält und niemanden stört, sollte es okay sein (das ist allerdings unsere persönliche Erfahrung ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit!).
  • Tipp! Infos zum Wildcampen in den Alpen und in einigen Ländern Europas findet ihr hier und hier.
Bikepacking Gravelbikes auf dem marokanischen Markt
Frühstück kaufen auf marokkanisch. Erstaunlicherweise musste Daniel noch nicht einmal feilschen und bekam trotzdem mehr, als erwartet.

 

Per Gravelbike ins Radsport Mekka

Am nächsten Tag hieß es leider schon wieder Abschied von Afrika zu nehmen. Wir rollten noch ein bisschen durch Tanger, gönnten uns noch ein grandioses Frühstück und nahmen Kurs auf den Hafen, wo wir wenig später die Fähre zurück nach Europa enterten. Natürlich war das nur eine Stippvisite. Aber das war uns egal. Für diese Reise galt vor allem eines: Der Weg war das Ziel. Und der Weg war noch lange nicht zu Ende, denn die Rückfahrt stand schließlich noch an. Sie führte uns über einen wahnsinnig schönen Küstentrail zunächst nach Algericas, von wo aus wir mit der Bahn weiter nach Barcelona fuhren. Hier begann unsere letzte große Etappe auf dem Fahrrad. Über eine Gravelroute fernab des Asphalts wollten wir von Barcelona nach Girona, direkt ins katalanische Rennradmekka pilgern. Das stellte sich als goldrichtige Entscheidung heraus. Die Route war wunderschön, allerdings auch etwas anstrengender als geplant, sodass wir kurzerhand eine weitere Nacht im Zelt beschlossen, als wir passend zum Sonnenuntergang an einem nahezu perfekten Schlafplatz vorbeikamen. Das ist das Schöne am Bikepacking: Klar gibt es einen groben Plan, doch niemand hindert dich daran, ihn zu ändern, wenn es dir irgendwo besonders gut gefällt. Wir besorgten uns im nahe gelegenen Ort einen kleinen Abendsnack und genossen die katalanische Idylle ganz romantisch bei Radleuchtenschein, Käse und Wasser.

Am nächsten Morgen wurden wir von einer klirrenden Kälte geweckt. Unser Zelt war pitschnass, obwohl es gar nicht geregnet hatte. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die niedrigen Temperaturen sorgten dafür, dass wir eine Weile brauchten, bis wir wieder richtig in Radfahrstimmung waren. Doch einmal warm, war der Rest der Tour nach Girona pures Vergnügen. Solange, bis passierte, was einem auf einer Reise mit dem Interrailticket niemals passieren sollte: Als ich mal kurz die für morgen geplante Rückreise mit dem Zug checken wollte, musste ich feststellen, dass das Ticket weg ist. Schnell fand ich heraus, dass für diesen Fall tatsächlich kein Plan B existiert. Eine Online-Version gibt es nicht, ebenfalls keinen Ersatz. Wenn ich dieses Ticket nicht wiederfinde, würde die Rückreise also entweder sehr teuer werden, oder extrem lange dauern. Grund genug, um ordentlich zu suchen. Wir rekonstruierten die letzten Tage und kamen zu der Überzeugung, dass ich das Ticket möglicherweise in einer Tankstelle in Barcelona liegen gelassen habe, als wir Wasser gekauft hatten. Also fiel für mich die in Girona geplante Rennradtour aus, stattdessen brachte mich die Regionalbahn zurück in die katalanische Hauptstadt. Als der freundliche Kassierer in der Tankstelle mir mitteilte, dass nichts gefunden oder abgegeben wurde, war ich wirklich frustriert. Wie kann man nur sein Ticket verlieren? Zum Glück sah sein Kollege nochmal genauer hin. Und tatsächlich zog er das blaue Kuvert meines Interrailtickets aus einer Schublade. Das darin enthaltene Bargeld war aus unerklärlichen Gründen verschwunden, aber meine Rückreise war trotzdem gesichert! Was für ein Glück im Unglück. Da war es durchaus zu verkraften, dass das Girona-Sightseeing, das Daniel in der Zwischenzeit vorbereitet hatte, ein wenig kürzer ausfallen musste.

Gravelbiker Martin Donat mit Interrailticket
So ein Glück: Das Interrailticket ist wieder da!

Die Rückreise mit der Bahn läutete das Ende unseres Urlaubs ein. Eine wunderbare Woche lag hinter uns. Wir haben so viele unterschiedliche Dörfer, Städte, Landstriche, Regionen und Länder gesehen, wie es in so kurzer Zeit kaum anders möglich gewesen wäre, außer mit der Partnerschaft von Fahrrad und Bahn.

Zurück in Deutschland mussten wir leider feststellen, dass aufgrund eines Sturms alle Züge verspätet waren, viele sogar ausfielen. Schließlich strandeten wir um 2 Uhr nachts in Köln, wo kein Zug mehr fuhr. Im Nachhinein betrachtet war genau das der perfekte Abschluss einer perfekten Woche: Wir bauten kurzerhand unsere Bikes ein letztes Mal auf und radelten 80 Kilometer durch die Nacht, bis wir endlich zufrieden, aber ziemlich erschöpft zu Hause ankamen. 

Tipps: Was, wenn mal was schiefgeht…

  • Wenn man das Interrailticket verliert: Das darf nicht passieren! Das Interrailticket ist ein bisschen „oldschool“ und dazu gehört eine Tatsache: Wenn es weg ist, ist es weg. Es gibt kein Online-Backup und nur einen Weg, dieses Problem zu umgehen: Gut darauf aufpassen! Wenn es trotzdem weg ist: Versuch entspannt zu bleiben und zu rekonstruieren, wo es sein könnte. Vielleicht hast du je genau so ein Glück, wie ich.
  • Wenn alle Züge ausfallen: Locker und vor allem gut gelaunt bleiben. Das Gute ist ja: Du hast dein Fahrrad dabei. Auch wenn es je nach Uhrzeit und Wetter weh tun kann: nutze es! Das Fahrrad ist nicht nur eine geniale Erfindung, sondern es ist auch total loyal und bringt dich so gut wie immer nach Hause.

Text und Bilder: Martin Donat

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