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Tipps für ein nachhaltigeres Leben. Mit Ana Zirner im Alltag.

Was bedeutet es konkret, ein „nachhaltiges“ Leben zu führen? Seit ich die Berge zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht habe, wird mir täglich bewusster, wie überlebenswichtig die Natur für uns Menschen ist. Eigentlich ist das ja selbstverständlich…

Alle wollen seit ein paar Jahren “nachhaltig” sein, der Begriff ist zu einem regelrechten Trend geworden. Nicht nur Umweltschutzorganisationen und die sogenannte Biobranche setzen sich für Nachhaltigkeit ein, sondern auch Touristiker und Marken möchten nachhaltig handeln. Früher den “Ökos” vorbehalten, ist “bio” und “grün” heute gesellschaftlich anerkannt, ohne dass man sich noch viele Gedanken dazu macht, was das eigentlich bedeutet.

“Ein Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren oder künftig wieder bereitgestellt werden kann.”

So definiert der Duden „Nachhaltigkeit“ und beschreibt damit einen der ältesten und natürlichen Prozesse unseres Planeten. Mir macht es Spaß daraus meinen Lebensstil abzuleiten. Ich finde es wertvoll, mir wieder bewusst zu machen, dass ökologische Werte mit ethischen und ästhetischen Werten und Verhaltensweisen verflochten sind. Es geht mir nicht darum mich möglichst politisch korrekt zu verhalten.

Unberührte Natur mit Bergen und See
Der Erhalt unberührter Bergwelten als Ort für nachhaltige Naturerlebnisse ist Ana wichtig.

“Die Motivation für mein Verhalten liegt darin, dass ich bewahren möchte, was ich am meisten liebe – unsere wunderbare Natur, mit ihrer atemberaubenden Vielfalt.”

Mir ist schon bewusst, dass es für die „Rettung des Planeten“ nicht ausreicht, wenn Einzelne sich der Umwelt gegenüber konsequent verantwortlich verhalten. Aber ich bin doch überzeugt, dass wir beispielsweise mit unserem Konsumverhalten einen Impuls setzen können, der stärker und wirkungsvoller wird, je mehr Menschen sich daran beteiligen.

Anstatt über Verlust von Freiheiten oder die Aufforderung zum Verzicht zu sprechen, wie es Begriffe wie “Flugscham” suggerieren, möchte ich für einen positiv motivierten, weniger dogmatischen Umgang mit Umwelt- und Klimaschutz plädieren. Schließlich geht es ja um die schöne und wichtige Aufgabe, unser eigenes Leben und unsere Zukunft als lebenswert zu erhalten.

Ourdoorküche in den Bergen
Zusammen mit Expeditionskoch Kieran Creevy entwirft Ana gefriergetrocknete Menüs für unterwegs, die in kompostierbarer Verpackung stecken. Foto: Anne Kaiser.

Verzicht bedeutet Gewinn an Lebensqualität

Ich selbst spüre bei meinem nachhaltigeren Leben kaum Verluste. Im Gegenteil! Seit ich nachhaltiger lebe, steigert sich meine Lebensqualität stetig. Manch praktische Umstellung war anfangs nicht ganz leicht, da die Macht von Gewohnheit, Faulheit und Bequemlichkeit im Weg standen. Glücklicherweise ist es aber so, dass sich neue Gewohnheiten, sind sie einmal etabliert, ebenso festsetzen.

Zunehmend entdecke ich mein Verhältnis zu Dingen und Menschen neu. Wenn ich einen losen Apfel kaufe, anstatt das in Plastik verklebte Sechserpack, dann wird der Wert, und damit letztlich auch der Geschmack dieses Apfels wieder deutlicher. Wenn ich eine Hose repariere, anstatt sie wegzuwerfen, gewinnt sie für mich wieder an Qualität. Wenn ich meine persönlichen Ressourcen schütze, indem ich mir eine Pause gönne, werde ich zufriedener und ruhiger. Aber nicht zuletzt ist es jetzt auch so, dass ich einen Gegenstand, den ich neu kaufe, weil ich ihn wirklich brauche, mehr wertschätzen kann, weil ich genau weiß, warum ich ihn gekauft habe. Mein Leben wird zunehmend von dem Kram befreit, der nutzlos rumliegt. Probepackungen werden aufgebraucht, Kleidung wird ausgemistet und weitergegeben, Werbegeschenke lehne ich ab und Neuanschaffungen vermeide ich, wo möglich. Es gibt ja schon alles im Überfluss, und die meisten Gebrauchsgegenstände bekommt man auch wunderbar aus zweiter Hand.

Müll reduzieren beim Einkaufen – mit unverpackten Lebensmitteln und Wasser aus dem Wasserhahn

Heute gehört zu einem respektvollen Verhältnis zu unseren Lebensmitteln für mich auch der bewusste Einkauf dazu. Ich achte jetzt mehr auf Qualität als auf Quantität. Natürlich ist der Einwand gültig, dass man sich das leisten können muss, da Bio grundsätzlich meist teurer ist. Ich habe aber festgestellt, dass ich nicht viel mehr Geld ausgebe, sondern lediglich mehr Zeit in die Planung meines Essens stecke, da ich mir genauer überlege, was ich wirklich brauche. So kaufe ich weniger ein, verwerte alles und werfe so gut wie keine Lebensmittel weg.

Der Einkauf im verpackungsfreien Supermarkt, auf dem Markt oder beim Bauern direkt ist hier hilfreich, weil ich auch kleine Mengen kaufen kann. Außerdem vermeide ich so massive Einweg- und Plastikverpackungen, die in den meisten Supermärken nach wie vor sehr verbreitet sind. Milchprodukte gibt es oft im Pfandglas, Obst und Gemüse packe ich in kleine Stoffbeutel. Wer die nicht hat, kann einfach die Papiertüten von Brot aufbewahren und wiederverwenden. An der Frischetheke kann man sich die Ware in mitgebrachte Behälter packen lassen (hier das rechtliche dazu). Indem ich lokale Frischware und saisonale Produkte kaufe, vermeide ich lange Transportwege.

Und außerdem: Trinkt mehr Leitungswasser! Eigentlich sollte uns inzwischen allen klar sein, dass es überhaupt keinen Grund gibt, Wasser in Flaschen zu kaufen. Egal ob aus Glas oder Plastik. Das Wasser aus dem Hahn ist in unseren Breiten einwandfrei und die einmalige Investition in einen Trinkwassersprudler lohnt sich, wenn man Sprudel will. Ich fühle mich außerdem gesünder, seit ich fast ausschließlich Wasser trinke.

„Erde, die uns dies gebracht, Sonne die es reif gemacht:
liebe Sonne, liebe Erde, euer nie vergessen werde.“

Um sich wirklich bewusst zu machen, wieviele kleine und große Wunder in den Prozessen der Natur stecken, lohnt es sich manchmal einen Moment achtsam innezuhalten. Ich bin damit aufgewachsen, dass wir vor jeder Mahlzeit unsere Dankbarkeit mit dem oben zitierten Worten gegenüber unseren Nahrungsmitteln ausdrückten.

Müsli mit Joghurt, Heidelbeeren und Flocken
Im Herbst kann man draußen zum Beispiel Heidelbeeren fürs Frühstück sammeln. Foto: Anne Kaiser.

 

Nachhaltige Tipps fürs Putzen, Waschen & Körperpflege

Daheim hat es über ein Jahr gedauert, bis ich die angesammelten Reinigungsmittel aufgebraucht hatte und manche habe ich noch immer, weil ich sie so selten benutze. Aber ich kaufe keine neuen mehr, sondern stelle sie recht einfach selbst her. Dass man für Fenster, Geschirr und Bad unterschiedliche Reinigungsmittel braucht, ist Blödsinn. Ein Konzentrat (aus: Essig, Zitronensäure und Alkohol) reicht meistens, weil es unterschiedlich verdünnt verwendet werden kann. Außerdem spart es Platz und Plastik. Die Chemie im Wasser ist logischerweise auch ungut und im Normalfall überflüssig.

Beim Waschmittel für meine Kleidung mache ich eine Ausnahme, das fülle ich mir zweimal im Jahr im Unverpacktladen ab und verwende es sparsam. Außerdem wasche bei niedrigen Temperaturen und nicht zu häufig. Denn oft reicht es völlig aus, ein Kleidungsstück oder Schlafsack zu lüften, statt zu waschen. Dadurch bleiben meine Lieblingsprodukte auch länger erhalten.

Taschentücher sind noch so eine Kleinigkeit, die unnötigerweise in Plastik verpackt sind. Wenn man die feinen alten Stofftaschentücher nicht mag, dann gibt es immer noch die Spenderboxen aus Pappe, die inzwischen ganz ohne Plastikanteil auskommen. Davon kann man sich auch ein paar einfach in einen Beutel stecken und mitnehmen.

Ich schätze ich bin nicht die Einzige, bei der sich Kosmetikprodukte zu Hause über die Zeit angesammelt haben. Meistens kommt es dazu, weil man sich unterwegs, nebenbei oder mangels Einkaufsliste oder richtigem Packen unterwegs etwas kauft, das man eigentlich nicht wirklich braucht. Außerdem hatte ich festgestellt, dass auch ich mich von Werbung oder Angeboten zu spontanen Käufen hinreißen ließ. Seit mir das klar ist, bin ich dagegen ziemlich immun geworden und in meinem Bad sieht es ordentlicher und schöner aus.

Eine Frau schläft gut eingepackt im Schlafsack unter freiem Himmel
Die Natur inspiriert und motiviert dazu ein einfacheres Leben zu führen. Foto: Anne Kaiser.

Utopie oder Wirklichkeit? Wir haben es in der Hand.

Olga Tocaruczuk, die 2018 den Literaturnobelpreis erhielt, forderte in ihrer Rede eine „vierte“ Perspektive, in welcher die ganze Welt als zusammenhängend beschrieben wird, in der die Verbindungen von Handlungen und Entscheidungen im „Hier und Jetzt“ mit ihren Auswirkungen im „Dort und Dann“ sichtbar werden. Daraus wird also auch die raum- und zeitübergreifende Verantwortung für ALLES selbstverständlich. Sie sagte:

„Zärtlichkeit ist die tief gefühlte Sorge um ein anderes Wesen und seinen Mangel an Immunität gegen Leid und die Auswirkungen der Zeit. Zärtlichkeit nimmt die Bindungen wahr, die uns verknüpfen, die Ähnlichkeiten und Gleichheit zwischen uns. Es ist eine Art zu sehen, die die Welt als lebendige zeigt, lebend, vernetzt, kooperierend und abhängig.“

Ich möchte die Welt als eine ebensolche Einheit sehen, die sich durch und mit uns ständig verändert und in der wir zwar ein kleiner, aber wichtiger Teil sind. Denn dann handle ich verantwortungsvoll, und die Sorge um das Wohlergehen und Fortbestehen meiner Umwelt, wird ein Teil der Sorge um mein eigenes Leben und mich selbst. Mir ist schon klar, dass das ein Stück weit Utopie ist: aber was gibt es Schöneres, als aus Utopien lebensfähige Modelle für eine neue Wirklichkeit zu erschaffen?

Text: Ana Zirner
Fotos von Anne Kaiser: https://anne-kaiser.com/

 

Mehr dazu…

Ana Zirner ist Autorin, Bergsportlerin und Bergwanderführerin. Auf ihrer Webseite findet mehr Informationen übre Ana, ihre Projekte und auch das Programm ihrer geführten Touren. Außerdem hat sie dort auch viele wertvolle Tipps rund um eine nachhaltige Tourenplanung zusammengestellt.

In ihren Büchern ALPENSOLO (2018) und RIVERTIME (2020) berichtet Ana von ihren Soloexpeditionen.

Comments

One Comment
  1. 2 years ago by Bernd Reichardt
    Sehr inspirierend!👍
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