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Korsika: Das Gebirge im Meer

Sonnenbrille auf, Hände ans Lenkrad und los geht’s über kurvenreiche Straßen mit bezaubernden Ausblicken auf Steilküsten, Buchten, Bergdörfer und Gipfelketten. Ob Bergsportler, Naturliebhaber oder Strandurlauber – auf Korsika ist für jeden etwas dabei. Und wenn man alles drei auf einmal ist, befindet man sich im Paradies.

„Haaaaaalt, stopp!“ rufe ich, und mein Freund Nils tritt auf die Bremse. Unser alter VW Bus, der sich seit einiger Zeit die berüchtigten Serpentinen Korsikas hoch müht, kommt abrupt zum Stehen. Erschrocken und mit großen Augen schaut mich mein Freund an: „Oh Gott, was ist los?“ Doch ehe er eine Antwort bekommt, bin ich schon aus dem Auto gesprungen und quieke in den höchsten Tönen. „Schau mal, wie nieeeedlich.“ Eine Horde halb wilder Schweine mit kleinen Ferkeln tummelt sich am Rand der Straße und ich bin mittendrin. Energisches Hupen lässt die Schweine auseinanderlaufen und im Wald verschwinden. Grimmig schaue ich mich um, um zu sehen, wer da meine Schweineidylle stört. Es ist unser Freund und Fotograf Ralf Gantzhorn, der ungeduldig hinterm Steuer seines Busses sitzt und mir wild gestikulierend zu verstehen gibt, dass wir die Fähre verpassen, wenn wir jetzt nicht weiterfahren. Schuldbewusst zucke ich mit den Achseln und steige grinsend zurück ins Auto. Bei den kleinen Schweinchen kann ich einfach nicht anders.

Gerade mal eine Woche ist vergangen, seit wir (Ralf, Sylvie, Sebastian, mein Freund Nils und ich) in Korsikas Hafenstadt Bastia den Boden dieser vielfältigen Mittelmeerinsel betreten haben. Die sieben Tage kommen mir kurz und lang zugleich vor. Kurz, da eine Woche absolut nicht ausreichend ist, um die ganze Insel zu erkunden und schon gar nicht um all diese grandiosen Felsen zu beklettern. Lang, weil wir in dieser Zeit unfassbar viel gesehen und erlebt haben.

Dank der Autofähre können wir die Insel mit dem eigenen Bus erkunden.

Während wir uns langsam Kurve um Kurve Bastia nähern, um die Nachtfähre zurück zum Festland zu nehmen,bleibt genug Zeit, um die Ereignisse zu rekapitulieren und über die Highlights unseres kleinen Abstechers nachzudenken.

Col de Bavella

Die ersten Tage verbringen wir in einer der schönsten Berggruppen Korsikas, dem Bavella Massiv im Südosten Korsikas. Schon die Fahrt von Bastia aus dorthin ist spektakulär. Zunächst bestaunen wir das Wechselspiel zwischen dem glitzernden blauen Meer mit seinen weißen Sandstränden auf der einen Seite und dem immer höher werdenden Gebirge auf der anderen Seite, während wir auf der gefühlt einzigen nicht kurvigen Straße der Insel Richtung Süden fahren. Kurz bevor wir bei Solenzara ins Landesinnere abbiegen, halten wir an einer dieser unzähligen Badebuchten und springen ins Wasser. Im Mittelmeer zu schwimmen und dabei auf schneebedeckte Berggipfel zu schauen ist total irre, irgendwie surreal. Und was mich ebenfalls zum Staunen bringt: so ein schönes Fleckchen Erde in Europa und es ist NICHT mit Hotels zugebaut. Ganz im Gegenteil. Kaum Häuser und keine Menschenseele sind hier in Sicht, was auch der Vorsaison im April und den doch noch recht frischen Badetemperaturen geschuldet ist. Voller Vorfreude springen wir zurück ins Auto und sind kurze Zeit später erneut völlig überwältigt. Die Straße ist inzwischen einspurig und schlängelt sich in steilen Kurven zum Col de Bavella hinauf. Zwischen knorrigen Kiefernzweigen hindurch lassen sich riesige Granittürme ausmachen und hinter jeder weiteren Kurve wartet eine neue landschaftliche Komposition aus windschiefen Bäumen, plätschernden türkisgrünen Bächen und rotbraun bis grauen Steinwesen.

Nach unserem fünften Stopp zum Bestaunen des Naturschauspiels erreichen wir den 1.218 Meter hohen Bavella-Pass. Hector, unser Auto, schlängelt sich von dort wieder hinunter bis zu unserem Hauptquartier in der kleinen Ortschaft Zonza. Die komplett aus Stein gebaute Unterkunft ist total charmant – trotz oder gerade wegen seiner leicht vom Verfall gekennzeichneten Mauern, dem umwerfenden Panoramablick auf die Granittürme des Col de Bavella und des kleinen, von einem Blumenmeer überzogenen Innenhofs. Das ganze Dorf besteht aus solchen Steinhäusern, umgeben von alten Kastanienbäumen, Pinien und Korkeichen, die deutlich vom Leben zwischen Hitze, Sturm und Schnee gekennzeichnet sind.

Sportklettern an der Punta di u Peru, Nordwestwand, „Omerta“

Am nächsten Morgen starten wir nach einem opulenten Frühstück und mit einem riesen Lunch-Paket ausgestattet zu unserer ersten Klettertour. Wir haben uns für eine laut “Topo” wunderschöne und relativ entspannte Mehrseillängen-Tour durch den Traumgranit an der Punta di u Pero entschieden. Bei Seillänge Nummer vier und fünf verstehe ich auch endlich, was es mit Ralfs andauernder „Tafoni“-Schwärmerei vom Vorabend auf sich hat.

Die super-griffigen Tafoni-Felsen

Alpinklettern und Biwak an der Punta di u Pargulu, Südwand, „Carpentier“

Von dieser Wahnsinns-Tour angestachelt, wagen wir am nächsten Tag ein mutigeres und ungleich anstrengenderes Unterfangen. Vom Col de Bavella aus wandern wir mit Kletter- und Biwak-Gepäck über eine alpine Variante des GR 20 drei Stunden bis zur „Punta di u Pargulu“. Hier hat Ralf eine Route ausgesucht, die vor allem auf Fotos „fotogen“ aussah. Obwohl wir erst vor dem Einstieg der Tour stehen sind wir bereits vom Zustieg erschöpft. Die erste Seillänge sieht irgendwie plattig, schlecht abzusichern und dreckig aus. Und die Seillänge Nummer zwei lässt laut Topo mit „gruseligem Kamin mit Baum“ auch nicht auf Besserung hoffen. Ach ja, und Haken in der Wand gibt’s auch keine. Keinen einzigen. Nur ganz oben. Zum Abseilen. Einzig das Versprechen von Ralf, dass in den oberen Seillängen wieder ein Tafoni-Gewitter der Extra-Klasse auf uns wartet, überredet mich zum Klettern dieses abenteuerlichen Unterfangens. Die ersten Seillängen sind wie erwartet ein recht anstrengendes Geschrubbe, das aber von den spektakulären und luftigen Tafoni-Seillängen positiv überstimmt wird. Der Ausblick ist gigantisch: schroffe Felsen, Kiefernwälder und schneebedeckte Gipfel bei einem Sonnenuntergangs-Traum in allen Farben, die der Himmel zu bieten hat.

Unser Biwak an der Punta di u Pargulu

Kurz vor der Dunkelheit befinden wir uns müde und etwas durchgefroren wieder am Wandfuß. Der Wind hat im Laufe der letzten Stunden deutlich zugenommen und pfeift uns nun ordentlich um die Ohren. Gemeinsam bauen wir ein Biwak aus herumliegenden Steinen und teilen kameradschaftlich das Abendessen, das aus Trekkingnahrung, einer Flasche Wein und zwei Tafeln Schokolade besteht. Am nächsten Morgen geht es bei einem malerischen Sonnenaufgang zurück zum Ausgangspunkt und von dort zurück in unser wohliges Hauptquartier in Zonza.

Wanderung zu den Badegumpen, Cascades de Purcaraccia

Noch ziemlich platt von der vorherigen Tour entscheiden wir uns am nächsten Tag für eine vergleichsweise kurze und leichte Wanderung zu Korsikas berühmten Badegumpen.

Kleine Abkühlung gefällig?

Zunächst führt uns der Pfad durch ein kleines Wäldchen in das Tal des Purcaraccia, einen der vielen Bäche, die von den Granitzinnen hoch oben Richtung Meer fließen. Von hier an folgen wir immer weiter dem Bach, bis wir nach insgesamt knapp zwei Stunden, vielen Gumpen und Wasserfällen in einer wunderschönen Badegumpen-Wasserfall-Sackgasse landen. Die Kombination aus glatt geschliffenen rotbraunen Felsen, dem grünschimmerndem Wasser und den dunklen Algen sieht aus, als wenn Gott selbst kurz mit Photoshop nachgeholfen hätte. Im Sommer ist hier sicher Selfie-Alarm. Aber jetzt sind wir die einzigen und springen trotz der eisigen Wassertemperaturen in das einladend klare Nass und testen den Spot auf seine Deepwatersolo-Möglichkeiten.

L’Uomo di Cagna

Etwas wehmütig haben wir die Granittürme der Bavella und unsere schnucklige Unterkunft verlassen und sind nun auf dem Weg Richtung Südwesten zum Uomo di Cagna, einem riesigen Wackelstein auf über 1.200 Metern Höhe. Ralf zeigt uns ein Foto von Jürgen Winkler aus dem Jahr 1981, auf dem man einen Granitblock balancierend auf einem erschreckend kleinen Sockel sieht. Auf dem Granitblock steht ein Zelt, dahinter sieht man das Meer und die Südküste Korsikas. Dank des Fotos wissen wir, dass man irgendwie auf den Block drauf

kommt. Aber wir haben keinerlei Informationen, wie das Ding zu besteigen ist. Von der Kirche in Giannuccio starten wir die dreistündige Wanderung zum Wackelstein, mit Biwak- und etwas wahllos, weil planlos, zusammengestelltem Klettergepäck auf dem Rücken. Die Wanderung ist schön und abwechslungsreich: zunächst leicht ansteigend durch Kiefernwäldchen, wird der Weg immer steiniger und steiler und führt am Ende durch ein Meer aus gigantischen Granitblöcken, wo königlich ganz oben der Wackelstein thront.

Der spektakuläre Uomo di Cagna

Die Aussicht raubt mir den Atem – ebenso die Idee, auf dieses Wackel-Konstrukt hinaufklettern zu wollen. Mehrfach umkraxeln wir den Granitblock und finden partout keine Möglichkeit da kletternd hinaufzukommen. Sebastian wickelt ein Kletterseil um einen Stein und versucht diesen über den Uomo die Cagna zu werfen. Doch dieser ist mit seinen mindestens zehn Metern zu hoch und die Kletterseil-Stein-Kombi zu schwerfällig. Sylvie kommt auf die Idee, ihre Zahnseide zu verwenden und so starten wir mit mehreren Metern Zahnseide erneute Wurfversuche. Dieses Mal fliegt der Stein zwar über den Uomo di Cagna, aber die Zahnseide reißt sofort durch, als wir sie über den rauen Granit ziehen wollen. Seit zwei Stunden versuchen wir nun schon auf den Granitklotz zu kommen. Das muss doch zu machen sein! Wir starten einen erneuten Versuch, jetzt mit einem Zwischending aus Seil und Zahnseide: Wir knoten alle unsere Reepschnurvorräte zusammen und verlängern die Wurfleine noch um alle vorhandenen Schnürsenkel. Beim dritten Anlauf fliegt die Reepschnur-Schnürsenkel-Konstruktion tatsächlich auf die andere Seite des Steins. „Geschafft“, ruft Sebastian triumphierend. Mithilfe von Camalots befestigen wir das Ende vom Seil auf der Rückseite des Steins. Sebastian, beflügelt vom Siegeswurf, wagt als erster am Seil den Aufstieg. Oben angekommen hört man ihn gegen den starken Wind anrufend: „Hier oben sind sogar Bohrhaken“. Mit der Aussicht, mich an einem soliden Bohrhaken festmachen zu können, wage auch ich den Weg hinauf. Der Wind hier oben ist so stark, dass man den Eindruck hat, er allein könnte den Wackelstein vom Sockel pusten. Nachdem wir das obligatorische Foto „Zelt auf Stein vor Sonnenuntergang mit grandioser Aussicht“ im Kasten haben, finden wir uns doch lieber wieder am Boden auf einem kleinen Plateau für unser Biwak ein: Trekkingessen, Wein, Schokolade – ab in den Schlafsack.

Bio-Wein von der Domaine de Pero Longo

Nach der Wackelstein-Besteigung beschließen wir eine Wander- und Kletterpause einzulegen und einen Tag am Strand zu verbringen. Wie ich allerdings „Restless Ralf“ kenne (den Spitznamen trägt er, seit er uns in einem irren Tempo zwei Wochen lang durch Schottland gescheucht hat), wird er nicht ohne „Nachhilfe“ eine Minute ruhig am Strand liegen. Also machen wir zunächst einen Zwischenstopp am Weingut „Domaine de Pero Longo“. Das Anwesen ist Weingut und Bed & Breakfast zugleich – und es ist menschenleer, als wir ankommen. Nachdem wir rufend eine komplette Runde über das Grundstück mit Gemüsegarten, Pool und mehreren Ferienhäusern beendet haben, sind wir schon auf dem Rückweg zum Auto, als uns doch jemand entgegenkommt. Es ist Marie-Louise, die uns auf ihrem Gut willkommen heißt und uns direkt mit in den Weinkeller nimmt. Munter probieren sich alle durch prickelnden Rosé, kräftigen Rotwein und köstlichen Weißwein. Die Stimmung ist bombastisch und wird immer ausgelassener. Am Ende verlassen wir mit mehreren Kartons (!) Wein im Gepäck den idyllischen Hof. Den Nachmittag verbringen wir an einer der traumhaften Badebuchten, an deren Name ich mich leider ob des ein oder anderen Glases Rosé nicht mehr so recht erinnern kann.

Abstecher zum Rapu Rossu und ins Tavignanotal

„Da!“, rufe ich begeistert, „guck mal“, und springe dabei wie ein Flummi auf meinem Sitz auf und ab. „Guck doch“, und zeige energisch auf eine weitere Horde Schweine, zwischen denen sich auch noch ein paar Esel tummeln. Nils fährt stoisch weiter und lässt sich von meinem Gequieke und Gefuchtel nicht mehr beirren. Zum einen, weil wir schon etliche Schweine und Esel passiert haben – zum anderen müssen wir uns wirklich sputen, um die Fähre zu erwischen. Am Vortag waren wir noch für einen kurzen Abstecher am Capu Rossu, zerklüftete rosarote Granitfelsen über tiefblauem Meer bestaunen. Sogar das Crashpad kam dort für ein paar Boulder zum Einsatz. Heute sollte es von dort eigentlich nur noch Richtung Nordosten zur Fähre gehen, aber wir konnte alle den Hals nicht voll genug bekommen von dieser betörenden Insel und waren dann „noch kurz“ für einen Abstecher im Tavignanotal: vier Stunden durch einen Mix aus Felsen- und Blütenmeer wandern, zwischendurch noch eine Mehrseillängentour klettern, dazu ein kleines Gewitterchen. Und zack, fast die Fähre verpasst.

Noch schnell eine Mehrseillängentour im Tavignanotal , bevor es zurück auf die Fähre geht.

Als wir etwas abgehetzt in Bastia ankommen, ist unsere Fähre noch gar nicht da und hat eine Verspätung von drei Stunden. Entspannt checken wir ein und spazieren noch zu einem der kleinen Restaurants am Hafen. Müde und glücklich sitzen wir am Tisch und studieren die Speisekarte. Ich kann mich nicht so recht entscheiden, wobei eins klar ist: kleine niedliche Schweinchen kommen mir nicht auf den Teller.

Text: Michèle Knaup
Fotos: Ralf Gantzhorn

Die Reise wurde freundlich unterstützt von Atout France:

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