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“Trailen” wie Gott in Frankreich!

Das Fahrrad ist alleine schon deshalb ein hervorragendes Sportgerät, da es einem Naturerlebnisse bescheren kann, wie es keine andere Sportart hinbekommt. Man ist schnell genug, um sich aus eigener Kraft einen großen Radius erschließen zu können. Und dennoch ist man ausreichend langsam, um die Landschaft und die Natur um einen herum wirklich wahrnehmen zu können, ja sie im wahrsten Sinne „erfahren“ zu können. Was bietet sich folglich mehr an, als eine in Mountainbikerkreisen noch eher unerschlossene Region auszukundschaften?

Dachten sich auch unsere beiden Teamfahrer Daniel Eiermann und Jakob Breitwieser und zogen los, um ihren VAUDE-Kollegen Francois Bailly-Maître im schönen Haute Jura zu besuchen. Viel Spaß bei ihrem Bericht über die geniale und noch sehr einsame Rad-Destination!

Weißer Kalkstein und grüne Wälder – typisch Jura

1. Der französische Jura

Als „Jura“ bezeichnet man – unter anderem – den Gebirgszug nordwestlich des Alpenhauptkamms, der sich auf etwa 300 km Länge von Basel bis Höhe Annecy erstreckt. Charakteristisch für das Faltengebirge ist der hohe Anteil von Kalksteinen, ersichtlich an den typischen weißen Steinen. Während der nordöstlichere Teil des Juras zumindest bei Wildwasserfahrern und Wanderern noch bekannter ist, haben viele Biker das Mittelgebirge noch nicht wirklich auf dem Schirm – zu verlockend sind die auf der anderen Seite des Genfer Sees liegenden Westalpen. Doch ein Blick auf die andere Uferseite samt Horizonterweiterung schadet ja bekanntlich nie und man wird nicht enttäuscht: Gerade der französische Teil des Haut Jura verwöhnt uns mit Gipfeln von über 1.700 Metern Höhe, grandiosen Aussichten, phantastischen Gesteinsgebilden und kleinen, touristisch kaum erschlossenen Dörfchen. Denn während die Ränder des Juras mit Städten wie Genf, Lausanne und Biel recht dicht bevölkert sind, lässt dies im Inneren des Mittelgebirges stark nach.

Die Bewohner des Naturparks Haut Jura leben heute insbesondere von der Viehzucht, der Herstellung von Käse und anderen Molkereiprodukten. In St. Claude verweist eine überdimensionale Pfeife auf die Ende des 19. Jahrhunderts dort erfundene und auch heute noch hergestellte Bruyère-Tabakpfeife. Beim Schlendern durch die Orte wird ersichtlich, dass hier handwerkliche Traditionen noch gepflegt werden, wie etwa beim Uhrmacher oder – noch offensichtlicher – beim Hausbau. Denn hier wird der traditionelle Stil mit viel Holz gepflegt und in leicht modernisierten Formen der Zeit angepasst. Wer weder Käser noch Handwerker ist, arbeitet entweder bei der dort ansässigen Sportbrillenfirma Julbo oder pendelt einfach jeden morgen hinüber zu den Eidgenossen – der Geldbeutel dankt. Nicht zu vernachlässigen als Geldeinnahmequelle für die Einheimischen sind natürlich auch Touristen. Diese sind dennoch eher spärlich gesät und meistens Franzosen, die gerne im eigenen Land Urlaub machen sowie einige wenige Niederländer und Engländer. Hübsche Gîtes am Wegesrand warten auf Wanderer, die den Jura durchqueren und für die Nacht noch eine Herberge brauchen.

Abseits der kleinen Dörfchen herrscht dann aber wirklich auch Natur und Ruhe, deshalb gleich eine Warnung vorweg: Wer immer Handynetz haben, zu jeder Zeit einkaufen gehen will und wer jeden Blick auf eine Karte scheut, der/die fahre lieber nicht in den Jura.

Allen anderen sei dies aber ausdrücklich empfohlen. Denn so einsam es einem teilweise vorkommt, so schön ist auch die Landschaft: Sanfte, grüne Hügel mit einzelnen, sehr liebevoll hergerichteten Häuschen wecken direkt Assoziationen zum Auenland der Herr der Ringe Trilogie. Brachiale Klippen, die mehrere hundert Meter senkrecht abbrechen, ermöglichen Schwindelfreien gewaltige Aussichten über die Täler. Im Wald fühlt man sich dank des recht häufigen Regens wie im Dschungel. Moose und Farne sorgen für ein unbeschreibliches Grün und überwuchern die teils sehr abstrakten Baumformationen neben den Wegen.

Die verschlungenen Pfade über die zum größtenteils bewaldeten Berge dienten früher Kämpfern der Resistance als Rückzugsort und Versteck vor der Wehrmacht. Heute bieten sie sich hervorragend als Biketrails an.

Vor drei Jahren wurden wir durch ein Rennen auf die Gegend aufmerksam, dem „Enduro Jura“. Francois Bailly-Maitre, EWS-Profi, und wie seine Ergebnisse zeigen, einer der schnellsten Enduropiloten weltweit, ist dort nämlich zuhause. Auch wenn er dank seines Berufes viele der besten Trails weltweit schon gefahren ist, geht für ihn nichts über sein Heimrevier. Und dieses möchte er mit anderen Bikern teilen – die Austragungen der jährlichen Rennen war dafür ein gelungener Anfang. Wir nutzen das Angebot, um die Strecken auch mal ohne tickende Uhr abzufahren, die Region kennen lernen und sie mit dem Rad genießen zu können.

Typisches Jura Bild – verwunschene Pfade im Dschungel

2. Die Trails

Die Trails lassen sich nur schwer kategorisieren, zu abwechslungsreich und vielseitig sind sie. Müsste man dies doch tun, lassen sie sich ganz grob in zwei Arten einordnen:

Flowige Strecken über weichen und losen, mit Laub bedeckten Waldboden. Diese sind auch für Einsteiger geeignet und lösen einen ungeahnten Endorphinrausch aus. Sie erinnern an bergabführende Pumptracks. Das Grinsen im Gesicht bekommt man nur schwer wieder hinaus.

Biker, die lieber technisch unterwegs sind, halten sich an die weißen, steinigen Trails. Hier finden auch erfahrene Piloten Herausforderungen und die ein oder andere Schlüsselstelle will geknackt werden. Ein Vergleich zum Hochgebirge mit seinen engen Kehren ist angebracht. Besonders bei Regen und der daraus resultierenden Glätte ist wirklich Fingerspitzengefühl gefragt.

Alles in allem lassen sich durch das Grün windende Pfade als sehr naturbelassene und kaum frequentierte Trails beschreiben – nur hier und da wurde von François und seiner Crew Hand angelegt und die Streckenführung für Biker optimiert. Berghoch kommt man direkt mit dem Rad, wobei man oftmals mit einem Shuttle mehrere Höhenmeter einsparen kann. Kurze Schiebe- oder Tragepassagen darf man ebenfalls nicht scheuen. Dafür wird man mit über 1.000 Tiefenmeter langen Abfahrten am Stück belohnt. Dort ist man teilweise wirklich für Stunden allein in der Natur. Bei unseren Abfahrten haben wir nur einmal Wanderer getroffen. Und diese waren völlig begeistert, Mountainbiker zu sehen und haben uns lauthals angefeuert.

Die meisten Strecken befinden sich nach der Singletrailskala im angenehmen S1/S2 Bereich. Für die Experten unter euch finden sich aber auch Trails, bei denen man mehrere S4 und noch schwerere Teilstücke findet. Ein jeder kann sich also das passende heraussuchen. Bei Nässe allerdings steigt der Schwierigkeitsgrad rasch an. Gerade die Kalksteine können wahnsinnig rutschig werden und man fühlt sich dann schnell wie ein Flipperball – ebenfalls spaßig, auch wenn man dann ab und zu unten leicht zittrige Hände und große Augen hat.

Für maximalen Trailspaß empfehlen wir Endurobikes mit etwa 150-180 mm Federweg. Und wie immer gilt natürlich: Je fitter ihr fahrtechnisch und konditionell unterwegs seid, desto mehr Spaß werdet ihr haben.

Mehrere Strecken sind offiziell ausgeschildert, auf Grund der aber ansonsten eher sparsamen Infrastruktur sollte man aber des Kartenlesens mächtig sein. Oder ihr schaut einfach auf trailguide.net. Hier lassen sich die einige Bikestrecken zum direkten Nachfahren finden.

Bei allen anderen, ebenfalls sehr zu empfehlenden Wanderwegen kommt man aber um das Kartenstudium nicht herum. Landschaft und Fahrspaß werden euch für die Mühen entlohnen – versprochen!

Ein Comté und Morbier – frisch von der örtlichen Fromagerie

3. François Tipps

François ist in einem Bergdorf im Jura aufgewachsen und seit je her auf dem Mountainbike unterwegs – zuerst als Crosscountry Profi, seit sieben Jahren als Endurofahrer. Wenn einer also Land, Menschen, Kultur und insbesondere Trails kennt, dann er. Hier sind seine Tipps, was man in der Gegend unbedingt tun sollte:

Top 3 Käse (am besten direkt beim Bauern oder in einer kleinen Fromagérie kaufen):

  • Le Comté
  • Bleu de Gex
  • Morbier

Dinge, die man außer Radfahren unbedingt tun sollte:

  • Baden gehen in den Seen (besonders im Lac Ilay und dem Lac de Vouglans)
  • Sich nach oder zwischen langen Abfahrten abkühlen in „Les gorges de l’abime“ und die dortigen Wasserfälle anschauen
  • Die Gegend bietet sich für einen Abenteuerurlaub an. Canyoning, Wildwasserfahren, Wandern, Klettern, Klippenspringen… man kann alles treiben, was das Herz begehrt. Also nicht nur auf das Biken fixieren!
  • Der Haut-Jura ist im Winter eine wahnsinnig schöne Langlaufregion.
  • Wanderrouten erlauben eine komplette Durchquerung des Juras. Diese ist sogar – je nach Schneelage – im Winter auf Skiern möglich.
Abkühlen in den Gorges de l’abime – herrlich

Essen und Trinken:

  • Vin jaune und Vin du Jura
  • Croûte aux morilles
  • Coq au vin jaune

Francois Lieblingstrail:

Allgemeines:

  • Beste Reisezeit ist von Mitte Mai bis Ende September. Dann ist es für die Jura-Verhältnisse am trockensten und somit fahrtechnisch am einfachsten. Wer sich herausfordern will, kommt im feuchteren Frühling oder Herbst.
  • Vorsicht: Restaurants schließen hier um 21 Uhr die Küche. Wer also essen gehen möchte, sollte besser pünktlich sein.
Nette Restaurants füllen die Speicher wieder auf

4. Reise, Organisation und Unterkunft

Anreise:
Mangels Zug oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln empfiehlt sich die Anreise mit dem eigenen Auto. Von Deutschland kommend fährt man über Basel, Bern, Fribourg, Lausanne in Richtung Genf und biegt bei Nyon rechts ab in Richtung St. Cergue. Dort geht es dann hoch ins Gebirge mit einer wunderschönen Aussicht über den Genfer See. Bei Les Rousses überquert man die Grenze und befindet sich im französischen Haut Jura. St. Claude liegt eine gute halbe Stunde Fahrt weiter und bietet sich als Standort bei einem Aufenthalt an.

Unterkünfte:
Am sinnvollsten ist es, sich eine Unterkunft in oder in der Nähe von St. Claude zu suchen. Viele Trails sind dann direkt mit dem Rad zu erreichen. Hier gibt es zudem einen Campingplatz. Ferienwohnungen sind am einfachsten über das Office du Tourisme de Haut Jura St. Claude zu finden oder natürlich über das Internet. Hier ein paar Tipps zum Übernachten:

Camping:

Gites (Zimmer mit Halbpension, beide wunderschön, einmal eher schick, einmal eher einfacher):

Hotels (Bikehotels mit extra auf Radfahrer abgestimmtem Programmen wie etwa in Südtirol werdet ihr nicht finden, aber ruhig und schön ist es trotzdem):

Guiding:
Die Angebote stecken zwar noch in den Kinderschuhen, sind allerdings am Wachsen. Einzige Möglichkeit samt Shuttle bieten die engagierten und motivierten Macher des Enduro Juras. Zu erreichen bisher nur über Facebook. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird dann François euer Guide sein. Besonders motivierte Rennfahrer können dann wirklich enorm viel lernen – konditionell und fahrtechnisch. Alle anderen können staunen, wie schnell man mit einem Rad fahren kann. Doch auch die nicht ganz so schnellen werden auf ihre Kosten kommen. François ist ausgebildeter Guide und kümmert sich um das Wohlergehen aller Gäste. Also einfach anschreiben und nach Angeboten fragen.

Vielen Dank Francois für’s Guiden!

5. Fazit:

Abseits der derzeitigen Bikehotspots bietet das Haut Jura maximalen Trailspaß für Allmountain-/Enduropiloten und ausreichend Strecken für mehrere Tage Bikegenuss. Wer keine Lust mehr auf das Schaulaufen an der Piazza in Finale hat, dafür aber das Biken auf naturbelassenen Wegen liebt, wird voll und ganz auf seine Kosten kommen. Ein absoluter Tipp. Guiding durch Francois können wir auch nur empfehlen, dank Trailguide und Karte wird man aber schnell auch alleine fündig und kann die besten Strecken einfach nachfahren. Als absolutes Schmankerl und perfekten Abschluss sollte man unbedingt zum Canyoning gehen!

Kurzbewertung (vier Leute haben hier möglichst objektiv abgestimmt):

  • Trails: 5/5
  • Essen/Trinken: 4/5 (unbedingt Käse von einer kleinen Fromagerie essen!)
  • Preis: 4/5
  • Infrastruktur für Biker: 2/5
  • Wie willkommen fühlt man sich als Biker: 5/5
  • Guiding: 5/5
  • Empfehlung: 5/5

Text: Jakob Breitwieser
Fotos: Daniel Eiermann

Bildergalerie:

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