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ReCycling in the City

„Cyclist steht für urbane Mobilität“ – Alisa Focke und Gernot Moser von VAUDE im Gespräch

Urbanes Radfahren boomt. Immer mehr Menschen entdecken wieder, was im Kindesalter oder auf dem Schulweg noch vollkommen selbstverständlich war: Fahrrad und E-Bike sind hervorragende Verkehrsmittel für den Alltag, machen Freude und unterstützen die Gesundheit. Nur Wind und Wetter ist man auf dem Zweirad ausgesetzt. Deshalb gibt es eine große Auswahl an spezieller Radbekleidung. Wir haben mit zwei VAUDE-Expert:innen gesprochen, was urbane Radbekleidung ausmacht, warum es dafür bei VAUDE eine eigene Bekleidungsserie gibt und wo die Grenzen dieser „Multiuse“-Produkte liegen.

Produktmanagerin Alisa Focke und Vertriebsleiter Bike Sports Gernot Moser im Gespräch. Bilder: Alisa Focke & Alwin Buchmaier

Alisa Focke, Produktmanagerin Bike-Bekleidung VAUDE

Gernot Moser, Vertriebsleiter Bike-Sports VAUDE

VAUDE Experience: VAUDE bietet viele funktionelle Produkte im Bergsport-, Wander- und Radsportsegment an. Aus technischer Sicht wären etliche davon doch auch für urbanes Radfahren geeignet. Warum eine extra Cyclist-Serie?

Alisa: Wir haben die Cyclist-Serie ganz gezielt auf die besonderen Bedürfnisse von Alltagsradlern wie etwa urbanen Pendlern zugeschnitten. Im Wortsinn: Zum Beispiel hat die Bekleidung einen eigenen, fahrradspezifischen Schnitt. Rücken und Ärmel sind länger und besitzen eine spezifische Form für mehr Komfort in der Radposition. Auch die Optik ist ein wichtiger Punkt. Man möchte ja gerade im Alltag nicht immer super sportiv ausschauen – aber funktional auch keine Abstriche machen. Wir integrieren deshalb zum Beispiel die Reflexelemente sehr dezent. Auch die Materialauswahl kann sich durchaus von den Performance-Produkten unterscheiden. Funktion ist natürlich das A und O, z. B. bei Atmungsaktivität oder Wetterschutz, aber Optik und Haptik sind eine andere als in den Bergsport- oder Performance-Kollektionen, etwa durch einen höheren Naturfaseranteil mit textilerem Griff oder geruchsmindernden Eigenschaften.

Vollgepackt mit spezifischen Detaillösungen für jeden Tag: Die Cyclist-Kollektion. Bilder: Stefan Weber

Experience: Sprecht Ihr mit der Cyclist-Kollektion auch eine vollkommen andere Zielgruppe an, die sonst keine Funktionsausrüstung besitzt?

Gernot: Wir merken auf jeden Fall, dass gerade urbanes Radfahren und Alltagsradeln in jeder Hinsicht boomen. Menschen, die das ewig nicht mehr oder noch nie gemacht haben, steigen im Alltag aufs Rad. Besonders in den Städten. Und damit entwickeln sich auch eine oder viele Identitäten als urbane Radfahrer mit ganz eigenen Ansprüchen oder Bedürfnissen. Als wir 2011 unsere erste Urban-Cycling-Kollektion gebracht haben, war das noch nicht so. Da existierte außerhalb der Kurier-Szene noch kaum ein Selbstbewusstsein oder Lifestyle als urbaner Radfahrer. Die Kollektion ist auch gefloppt (lacht). Heute ist das anders. Die Menschen identifizieren sich als Radfahrer, Fahrrad boomt. Vor allem durch das E-Bike und dringend nötige Infrastrukturprojekte. Zudem war Corona ein starker Trendbeschleuniger. Die Gefahr einer Ansteckung beim Radfahren im Vergleich zu öffentlichen Verkehrsmitteln ist natürlich viel geringer. Cyclist steht für diese urbane Mobilität.

Alisa: Unbedingt! Wir spüren den Wunsch und die Bereitschaft zur Verkehrswende bei vielen Menschen. Ein wichtiger Faktor ist auch ein verändertes ökologisches Bewusstsein und das Streben nach einem nachhaltigeren Lebensstil. Auch deshalb gewinnen wir gerade in dem Bereich auch andere und neue Kunden hinzu.

In Zukunft dominieren hoffentlich Fahrräder diese Szene. Bild: Martin Erd

Experience: Aber wäre es nicht im Sinne des Ressourcenverbrauchs nachhaltiger, wenn Menschen sich auf wenige „Multiuse“-Produkte beschränken und ihre Rad- oder Bergsportbekleidung auch im Alltag zu nutzen?

Gernot: Das setzt ja voraus, dass die Menschen die Schränke schon voll mit Funktionsbekleidung haben. Gerade im urbanen Bereich ist das aber oft gar nicht der Fall. Die Cyclist-Produkte haben wie alle unsere Produkte einen klaren Anwendungsbereich, in dem sie brillieren und sind dann darüber hinaus vielseitig nutzbar. Das ist auch mein Rat an unsere Kunden: Stellt Euch zwei Fragen: „Was ist mein hauptsächlicher Anwendungsbereich? Wo muss das Produkt liefern?“ – dann wisst Ihr, in welcher Kollektion Ihr suchen müsst. Das Thema „Multiuse“ deckt dann alle anderen Bereiche und Gelegenheitsanwendungen ab – denn natürlich funktioniert ein Cyclist Softshell Jacket auch beim Wandern.

Alisa: Grundsätzlich wollen wir unsere Produkte nicht doppeln. Trotzdem gibt es natürlich immer wieder kleinere Überschneidungen, vor allem innerhalb der Bereiche Bike und Mountain Sports. Klar kann sich ein urbaner Biker auch mal aus Bike Sports bedienen, das ist ja logisch. Aber jedes einzelne Produkt und jede Kollektion hat einen klaren Fokus und Kernanwendungsbereich, wie Gernot es nennt. Wir wollen keine eierlegende Wollmilchsau, die alles ein bisschen kann, aber nichts richtig gut.

Von der ersten Zeichnung zur Stoffauswahl. Produktentwicklung passiert bei VAUDE Hand in Hand. Bilder: Martin Wagenhan & VAUDE

Experience: Lasst uns mal hinter die Kulissen schauen. Wie kommt Ihr zu einem Produkt, wie funktioniert die Entwicklung und fehlt Euch im urbanen Bereich nicht der Input Eurer Athleten?

Alisa: Nein. Der Athleten-Input fehlt nicht. Athleten sind wir alle! (lacht) Im Ernst, wir sind ein extrem radbegeistertes Team – viele fahren auch im Alltag. Grundsätzlich stehen bei der Entwicklung aber nicht wir an erster Stelle, sondern unsere Kunden und ihre Lebensrealität. Das gilt auch im Urban-Cycling-Bereich. Die Fragen, die sich dann stellen, sind klar: Wer möchte das fahren? Welche Zielgruppe sprechen wir an? Was sind typische Anwendungen? Was wollen unsere Käufer? Bei den Antworten helfen nicht nur unsere Erfahrung, sondern auch Kunden- oder Fachhandelsbefragungen. Wenn der Rahmen geklärt und die Basis definiert ist, arbeiten wir Hand in Hand mit den anderen Abteilungen. Das Materialteam macht Vorschläge für die passende Materialauswahl oder geht, wenn nötig ins Sourcing, um neue Materialien zu finden. Auch das Design-Team ist sehr früh an Bord, wenn es um Schnitte und Funktionen geht.

Hohe Materialqualität ist kein Zufall. Im Labor werden verschiedene Textilproben auf Ihre Reißfestigkeit geprüft. Bild: Alwin Buchmaier

Experience: Thema Material – setzt Ihr in den urbanen Kollektionen wie der Cyclist-Serie grundsätzlich auf andere Materialien als in den Performance-Linien?

Alisa: Nein. Das entscheiden wir von Produkt zu Produkt und Anforderung zu Anforderung. Es gibt bestimmte Trends oder Tendenzen in den einzelnen Segmenten, die sich in der Materialwahl niederschlagen. Eine natürliche Haptik ist im Urban- und Alltagssegment zum Beispiel besonders wichtig. Grundsätzlich gelten natürlich immer unsere Selbstverpflichtungen, auf nachhaltige Materialien zu setzen. Schon im Sommer 2020 sind 97 Prozent unserer Bekleidung nach unserem strengen Green Shape-Standard zertifiziert. Bis 2024 sollen unsere Produkte überwiegend aus biobasierten oder recycelten Materialien bestehen. Diese Anstrengungen unternehmen wir für alle VAUDE-Produkte, egal ob Urban oder (Berg-) Sport. Beide Segmente teilen sich viele Materialien und profitieren von unserer Forschung in dem Bereich, denn es ist nicht nachhaltig, für jedes einzelne Produkt ein separates Material oder einen neuen Werkstoff zu entwickeln, zu suchen oder zu verwenden.“

High-Tech darf auch Spaß machen. Hinter den Kulissen im VAUDE-Testcenter. Bild: Alwin Buchmaier

Experience: VAUDE bietet auch Radtaschen für urbane Biker an. Die wasserdichten Taschen sind sogar Made in Germany – direkt am VAUDE-Stammsitz in Tettnang-Obereisenbach. Wieso gehören die eigentlich nicht zur Cycling-Kollektion?

Gernot: Stimmt. Eine Radtasche gehört zur Urban Mobility unbedingt dazu. Für Alltagsradler sind sie ein extrem wichtiger Ausrüstungsgegenstand. Genauso wie andere Produkte, die auch nicht Cyclist heißen. Der TVL Asfalt Dualflex ist so ein Beispiel: Ein Schuh, speziell gemacht fürs urbane Radfahren. Viele Taschen gab es aber schon lange vor der Cyclist-Bekleidung. Gerade die wasserdichten Radtaschen sind ein bedeutsames Produkt für uns, weil wir die hier in Tettnang herstellen und alle Produkte aus unserer Manufaktur PVC-frei und klimaneutral sind. Wir ändern die Namen nicht nachträglich, denn eine Namensänderung bringt eine Reihe von Nachteilen für uns und unsere Fachhandelspartner mit sich. Deshalb machen wir keinen harten Cut, sondern vereinheitlichen Produktbezeichnungen sukzessive anhand von Anwendungs- und Lebenswirklichkeiten .

Darum geht’s! Passende Produkte für moderne Lebenswirklichkeiten. Bild: Christoph Laue

Experience: Weg von der Technik – hin zur Anwendung. Manche Menschen tun sich trotz Fahrradboom immer noch schwer, jeden Tag aufs Fahrrad zu steigen. Was ist Euer Top-Tipp für sie?

Gernot: Routinen schaffen! Wenn ich jeden Tag neu nachdenken und entscheiden muss, ist das Stress und man legt sich nur zu leicht selbst Ausreden zurecht (lacht). Seid also bereit, komme was wolle! Checkt das Wetter, packt abends, legt Euch Eure Ausrüstung zurecht! Wenn das eingespielt und selbstverständlich ist, ist die größte Hürde genommen. Wer eine Weile regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit gefahren ist, wird zudem merken, wie viel weniger gestresst man in den Tag startet und wie gut die Aktivität tut.

Alisa: Der alte Spruch stimmt einfach – es gibt kein schlechtes Wetter, nur unangepasste Kleidung. Lasst Euch also nicht vom Wetter abschrecken, denn dafür gibt es Lösungen. Egal ob es warm oder kalt, nass oder trocken ist. Und genießt einfach, wie viel Freude es macht.

Die urbanen Lieblingsteile unserer Expert:innen: Cyclist Jacket (li.) und Cyclist Softshell Jacket II (re.). Bilder: VAUDE

Experience: Apropos richtige Bekleidung. Was sind Eure persönlichen Lieblingsteile aus der Cyclist-Kollektion?

Alisa: Bei mir ist das das Cyclist Jacket. Ein wasserdichtes Stretch-Material findet man nicht so oft. Viele Menschen denken ja bei „wasserdicht“ an eine glänzende, raschelnde Plastiktüte. Das muss nicht sein. Das Material fühlt sich unglaublich textil an, fast samtig, und die Jacke ist vollständig wasser- und winddicht.

Gernot: Dann wähle ich das Cyclist Softshell Jacket II. Der perfekte Allrounder für Frühjahr und Sommer. Sehr atmungsaktiv, auch bei sportlicher Fahrweise. Dazu trotzdem ein hoher Wetterschutz, winddicht und wasserabweisend und einfach sehr stylish. Zudem noch mit recycelten Materialien hergestellt. Die perfekte Übergangsjacke sowohl auf dem Rad, wie eben aber auch in der Freizeit oder im Büro.

Experience: Vielen Dank für das Gespräch!

Happy Biking allerseits! Bild: Christoph Laue

Hier findet ihr noch mehr umweltfreundliche Produkte zum Radfahren im Alltag.

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