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Nachhaltigkeit neu denken

Seit ich die Berge zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht habe, wird mir täglich bewusster, wie überlebenswichtig die Natur für uns Menschen ist. Eigentlich ist das ja selbstverständlich. Aber was bedeutet es denn konkret, ein „nachhaltiges“ Leben zu führen?

Alle wollen seit ein paar Jahren “nachhaltig” sein, der Begriff ist zu einem regelrechten Trend geworden. Nicht nur Umweltschutzorganisationen setzen sich für Nachhaltigkeit ein, sondern auch Touristiker und Marken möchten in ihrem Namen handeln. Früher den “Ökofuzzis” vorbehalten, verkauft sich “bio” und “grün” heute ausgesprochen gut, ohne dass man sich noch viele Gedanken dazu macht, was es eigentlich bedeutet.

“Ein Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann.”

So definiert der Duden „Nachhaltigkeit“ und beschreibt damit einen der ältesten und natürlichen Prozesse unseres Planeten. Mir macht es Spaß aus diesem Satz für mich einen Lebensstil abzuleiten. Ich finde es wertvoll, mir wieder bewusst zu machen, dass ökologische Werte mit ethischen und ästhetischen Werten und Verhaltensweisen verflochten sind. Die Motivation für mein Verhalten liegt dabei nicht im Bedürfnis mich politisch korrekt zu verhalten, sondern darin, dass ich das bewahren will, was mich bewahrt.

Mir ist schon bewusst, dass es für die „Rettung des Planeten“ nicht ausreicht, wenn Einzelne sich der Umwelt gegenüber konsequent verantwortlich verhalten. Aber ich bin doch überzeugt, dass wir beispielsweise mit unserem Konsumverhalten einen Impuls setzen können, der stärker und wirkungsvoller wird, je mehr Menschen sich daran beteiligen.

Anstatt über Verlust von Freiheiten oder die Aufforderung zum Verzicht zu sprechen, wie es Begriffe wie “Flugscham” suggerieren, möchte ich für einen positiv motivierten, weniger dogmatischen Umgang mit Umwelt- und Klimaschutz plädieren. Schließlich geht es ja um die schöne und wichtige Aufgabe, unser eigenes Leben und unsere Zukunft als lebenswert zu erhalten.

Zusammen mit Expeditionskoch Kieran Creevy entwirft Ana gefriergetrocknete Menüs für unterwegs, die in kompostierbarer Verpackung stecken. Foto: Anne Kaiser.

Verzicht ist Gewinn

Ich selbst empfinde bei meinem nachhaltigeren Leben kaum Verluste. Im Gegenteil! Seit ich „nachhaltiger“ lebe, steigert sich meine Lebensqualität stetig. Manch praktische Umstellung war anfangs nicht ganz leicht, da die Macht von Gewohnheit, Faulheit und Bequemlichkeit im Weg standen. Glücklicherweise ist es aber so, dass sich neue Gewohnheiten, sind sie einmal etabliert, ebenso festsetzen.

Zunehmend entdecke ich mein Verhältnis zu Dingen und Menschen neu. Wenn ich einen losen Apfel kaufe, anstatt das in Plastik verklebte Sechserpack, dann wird der Wert, und damit letztlich auch der Geschmack dieses Apfels wieder deutlicher. Wenn ich eine Hose repariere, anstatt sie wegzuwerfen, gewinnt sie für mich wieder an Qualität. Wenn ich meine persönlichen Ressourcen schütze, indem ich mir eine Pause gönne, werde ich zufriedener und ruhiger. Aber nicht zuletzt ist es jetzt auch so, dass ich einen Gegenstand, den ich neu kaufe, weil ich ihn wirklich brauche, mehr wertschätzen kann, weil ich genau weiß, warum ich ihn gekauft habe. Mein Leben wird zunehmend von dem Kram befreit, der nutzlos rumliegt. Probepackungen werden aufgebraucht, Kleidung wird ausgemistet und weitergegeben, Werbegeschenke lehne ich ab und Neuanschaffungen vermeide ich wo möglich. Es gibt ja schon alles im Überfluss, und die meisten Gebrauchsgegenstände bekommt man auch wunderbar aus zweiter Hand.

Essen und Trinken

„Erde, die uns dies gebracht, Sonne die es reif gemacht:
liebe Sonne, liebe Erde, euer nie vergessen werde.“

Um sich wirklich bewusst zu machen, welch kleine Wunder die Prozesse in der Natur sind, die beispielsweise unsere tägliche Nahrung hervorbringen, lohnt es sich manchmal einen Moment innezuhalten. Ich bin damit aufgewachsen, dass wir vor jeder Mahlzeit unsere Dankbarkeit mit dem oben zitierten Spruch ausdrückten.

Heute gehört zu einem respektvollen Verhältnis zu unseren Lebensmitteln für mich auch der bewusste Einkauf dazu. Ich achte jetzt mehr auf Qualität als auf Quantität. Natürlich ist der Einwand gültig, dass man sich das leisten können muss, da Bio grundsätzlich meist teurer ist. Ich habe aber festgestellt, dass ich nicht viel mehr Geld ausgebe, sondern lediglich mehr Zeit in die Planung meines Essens stecke, da ich mir genauer überlege, was ich wirklich brauche. So kaufe ich weniger ein, verwerte alles und werfe so gut wie keine Lebensmittel weg.

Der Einkauf im verpackungsfreien Supermarkt, auf dem Markt oder beim Bauern direkt ist hier hilfreich, weil ich auch kleine Mengen kaufen kann. Außerdem vermeide ich so die massive Einweg- und Plastikverpackung, die in den meisten Supermärken nach wie vor sehr verbreitet ist. Milchprodukte gibt es oft im Pfandglas, Obst und Gemüse packe ich in kleine Stoffbeutel. Wer die nicht hat, kann einfach die Papiertüten von Brot aufheben und wiederverwenden. An der Frischetheke kann man sich die Ware in mitgebrachte Behälter packen lassen (hier das rechtliche dazu). Indem ich lokale Frischware und saisonale Produkte kaufe, vermeide ich meinen Beitrag zu den klimaschädlichen langen Transportwegen.

Und außerdem: Trinkt mehr Leitungswasser! Eigentlich sollte uns inzwischen allen klar sein, dass es überhaupt keinen Grund gibt, Wasser in Flaschen zu kaufen. Egal ob aus Glas oder Plastik. Das Wasser aus dem Hahn ist in unseren Breiten einwandfrei und die einmalige Investition in einen Trinkwassersprudler lohnt sich, wenn man Sprudel will. Ich fühle mich außerdem gesünder, seit ich fast ausschließlich Wasser trinke.

Im Herbst kann man draußen zum Beispiel Heidelbeeren fürs Frühstück sammeln. Foto: Anne Kaiser.

Putzen, Waschen, Körperpflege

Daheim hat es über ein Jahr gedauert, bis ich die angesammelten Reinigungsmittel aufgebraucht hatte, und manche habe ich noch immer. Aber ich kaufe keine neuen mehr, sondern stelle sie nun selbst her. Dass man für Fenster, Geschirr und Bad unterschiedliche Reinigungsmittel braucht, ist Blödsinn. Ein Konzentrat (Essig, Zitronensäure, Alkohol) reicht meistens, weil es unterschiedlich verdünnt verwendet werden kann. Außerdem spart es Platz und Plastik. Die Chemie im Wasser ist logischerweise auch ungut.

Beim Waschmittel für meine Kleidung mache ich eine Ausnahme, das fülle ich mir zweimal im Jahr im verpackungsfreien Supermarkt ab. Die Wäsche landet bei mir nicht lose in der Trommel, sondern ich stecke sie in einen Guppyfriend-Waschbeutel, der filtert das Mikroplastik heraus und lässt es nicht ins Abwasser gelangen.

Taschentücher sind noch so eine Kleinigkeit, die unnötigerweise in Plastik verpackt sind. Wenn man die feinen alten Stofftaschentücher nicht mag, dann gibt es immer noch die Spenderboxen aus Pappe, die inzwischen ganz ohne Plastikanteil auskommen. Davon kann man sich auch ein paar einfach in einen Beutel stecken und mitnehmen.

Ich schätze ich bin nicht die Einzige, bei der sich Kosmetikprodukte zu Hause über die Zeit angesammelt haben. Meistens kommt es dazu, weil man sich unterwegs, nebenbei oder mangels Einkaufsliste oder richtigem Packen unterwegs etwas kauft, das man eigentlich nicht wirklich braucht. Außerdem hatte ich festgestellt, dass auch ich mich von Werbung oder Angeboten zu spontanen Käufen hinreißen ließ. Seit mir das klar ist, bin ich dagegen ziemlich immun geworden und in meinem Bad sieht es ordentlicher und schöner aus.

Die Natur inspiriert und motiviert dazu ein einfacheres Leben zu führen. Foto: Anne Kaiser.

Wertschätzung ist Wertschöpfung

Olga Tocaruczuk, die 2018 den Literaturnobelpreis erhielt, forderte in ihrer Rede eine „vierte“ Perspektive, in welcher die ganze Welt als zusammenhängend beschrieben wird, in der die Verbindungen von Handlungen und Entscheidungen im „hier und jetzt“ mit ihren Auswirkungen im „dort und dann“ sichtbar werden. Daraus wird also auch die raum- und zeitübergreifende Verantwortung für Alles selbstverständlich. Sie sagte:

„Zärtlichkeit ist die tief gefühlte Sorge um ein anderes Wesen und seinen Mangel an Immunität gegen Leid und die Auswirkungen der Zeit. Zärtlichkeit nimmt die Bindungen wahr, die uns verknüpfen, die Ähnlichkeiten und Gleichheit zwischen uns. Es ist eine Art zu sehen, die die Welt als lebendige zeigt, lebend, vernetzt, kooperierend und abhängig.“

Ich möchte die Welt als eine ebensolche Einheit sehen, die sich durch und mit uns ständig verändert und in der wir zwar ein kleiner, aber wichtiger Teil sind. Denn dann handle ich verantwortungsvoll, und die Sorge um das Wohlergehen und Fortbestehen meiner Umwelt wird ein Teil der Sorge um mich selbst. Mir ist schon klar, dass das eine Utopie ist, aber was gibt es Schöneres, als aus Utopien lebensfähige Modelle zu machen.

Text: Ana Zirner
Fotos von Anne Kaiser: https://anne-kaiser.com/

 

Mehr dazu…

Ana Zirner ist Autorin, Bergsportlerin und Bergwanderführerin. Auf ihrer Webseite findet ihr mehr zu ihren Projekten und auch das Programm ihrer geführten Touren.

Weiterlesen zum Thema Nachhaltigkeit könnt ihr auch in ihren Artikeln über Lebensmittel, den ökologischen Fußabdruck auf Reisen, die physische und psychische Nachhaltigkeit und darüber, warum weniger Konsum Spaß macht.

In ihren Büchern ALPENSOLO (2018) und RIVERTIME (2020) berichtet Ana von ihren Soloexpeditionen.

Comments

One Comment
  1. 5 months ago by Bernd Reichardt
    Sehr inspirierend!👍
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