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Mosquito Circus – Solobegehung + Update Topo und Routeninfos

Im Frühjahr 2019 hatte ich einen kleinen Crash beim Bergsteigen – einen Sturz ins Seil aufgrund eines Schneebrettabgangs. Nach mehrmonatiger Verletzungspause tastete ich mich im August wieder ans Klettern heran. Dieser Bericht handelt von meiner ersten größeren Tour.

Allein unterwegs

Der Wetterbericht verspricht zwei gute Tage, eingebettet in labiles Wetter. Wieder einmal mache ich mich auf den Weg ins Voralptal. Mein Ziel: eine Solobegehung der Technoroute „Mosquito Circus“. Für mich ist es gut, allein unterwegs zu sein. So kann ich viele Pausen machen und einfach abbrechen, wenn ich beim Klettern Probleme bekomme. Zunächst aber muss ich 35 kg Material, Wasser und Verpflegung über steiles, wegloses Gelände zum Einstieg wuchten.

Vor über 15 Jahren habe ich ein Solo-Sicherungssystem ausgetüftelt, um mich bei Alleingängen sichern zu können. Nach meiner Solobegehung des „Weg durch den Fisch“ im Sommer 2007 habe ich es aber praktisch nicht mehr angerührt. Jetzt habe ich es wieder angelegt und starte in die Wand – ganz vorsichtig natürlich, denn zum einen traue ich dem Sicherungssystem nicht mehr so recht und zum anderen weiß ich nicht, wie gut ein Sturz meinem beschädigten Knie bekommen würde.

Drei Seillängen muss ich heute schaffen. Die erste führt über eine große Platte, ist 45 m lang und mit 6c, A2+ bewertet. Die nächsten beiden sind etwas leichter und kürzer. Es ist schon dämmrig, als ich endlich alles Zeug am Biwakplatz habe. Im Licht der Stirnlampe sortiere ich meine Ausrüstung für den nächsten Tag und verkrieche mich dann müde im Schlafsack.

Zurück in der Vertikalen

Vor der vierten Seillänge hatte ich etwas Angst. Sie ist knapp 40 Meter lang, startet am großen Band, wo ich biwakiert habe, und folgt einer Rissspur in einer offenen Verschneidung. Zunächst kann man noch ein paar Cams legen, dann muss man sich hochnageln. Man braucht dafür dünne Hartstahlhaken („Knifeblades“) und eine Handvoll „Beaks“ mittlerer Größe. „Beaks“ sind spezielle Haken für feine Risse. Ihre Spitze erinnert an einen Vogelschnabel, daher der Name. Der entscheidende Punkt ist aber, dass sie aufgrund ihrer Geometrie besser halten als normale Haken. Dummerweise hatte ich aber nur noch einen zuhause. Die Horrorvorstellung ist, dass irgendwo ein Fixpunkt ausbricht und die immer größer werdende Wucht des Sturzes alle darunterliegenden Sicherungen aus der Wand reißt, bis ich schließlich auf dem Band aufschlage.

Ein unkalkulierbares Risiko? Ich denke nein – sofern es mir gelingt, mein Material so einzusetzen, dass ich immer wieder die richtige Antwort finde auf die kleinen Rätsel, die mir der Fels stellt. Es ist der entscheidende Teil des Spiels: erkennen, welche Sicherung sich wie und wo platzieren lässt, und dann, mit etwas handwerklichem Geschick, einen neuen Fixpunkt schaffen – und sich so einen weiteren Meter erarbeiten. Ganz unabhängig vom Risiko: Hat das noch viel mit Klettern zu tun? Ist es nicht ein Zeichen von Unvermögen oder zumindest Schwäche, sich mit einem derartigen Materialaufwand hochzuarbeiten? Mag sein. Aber ich bin schwach, ich bin verletzt, und doch hänge ich hier und bin glücklich.

Mosquito Circus – eine große Route

Die Sicherungstechnik beim seilgesicherten Soloklettern bringt den Vorteil mit sich, dass Seilreibung kein Thema ist. Es bietet sich deshalb an, längere Seillängen zu klettern und Stände auszulassen. Vor allem, wenn der Stand wie hier, zwischen der vierten und fünften Seillänge, etwas abseits der eigentlichen Kletterlinie liegt. Mit dem 60-m-Seil kann ich diese beiden Seillängen zusammenhängen. Allein der Vorstieg dieses Abschnitts kostet mich zweieinhalb Stunden. Jetzt muss ich wieder runter, den letzten Standplatz abbauen und bei Wiederaufstieg „cleanen“.

Irgendwann kommt die Sonne in die Wand. Ich bin erschöpft, werde immer langsamer und es fällt mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Aber irgendwie schaffe ich auch noch die letzte Länge. Fünf Stunden habe ich für die letzten 100 Meter der Route gebraucht. Am Ausstieg bringe ich noch ein Wandbuch an, in der Hoffnung, dass die Route ein paar Mal wiederholt werden wird. Wert ist sie es allemal: „Mosquito Circus“ ist viel mehr als eine Trainingsroute für große Wände. Man taucht schon hier voll ein in die Welt des Bigwallkletterns und erlebt die Ruhe und Einsamkeit der Berge auf eine besondere Art und Weise.

Mosquito Circus (A3, 6c, 285 m) – Routeninfos (Stand August 2019)

Erstbegangen und eingerichtet vom DAV NRW Alpinkader in neun Tagen im Sommer 2017 und 2018

Topo Mosquito Circus 2019

Routenbeschreibung

  1. SL 45 m 6c und A2 bzw. 7a+ (linke Variante) oder 6c und A2+ (rechte Variante): Erst Freikletterei in großer Platte, dann entweder nach links zur Schuppe (einfacher) oder rechtshaltend mit 2 x Bathook zum feinen Riss (bessere Linie).
  2. SL 20 m A1 und 4: Nach rechts auf Rampe und weiter rechtshaltend zu Stand auf Podest.
  3. SL 40 m A2 und 4+: Linkshaltend bis zu großem Band (A2), dort nach rechts queren (4+).
  4. SL 40 m A3: Erst Verschneidung (viele Beaks und Knifeblades!), dann Rechtsquerung an Cam-Schuppe zum Stand. Am Ende der SL den Bogen über links klettern, nicht direkt zum Stand, wegen loser Riesenschuppe!
  5. SL 25 m A3 und 4: Links haltend in überhängende Platte mit 8-mm-Bolt und fixiertem Beak. Zuletzt einfach zum Stand.
  6. SL 45 m A2+ und 5b „Great-Roof-Pitch“: Feiner Riss in der rechten Wand – luftig. Am Ende Runout zum „Zweiten großen Band“.
  7. SL 10 m „Zweites großes Band“: Querung nach links. Stand an Cams.
  8. SL 60 m A2+ und 4+ „Chockstone-Crack“: Geschwungener Offwith-Riss. Die Klemmsteine sind locker – Umgehung rechts über Platte. Danach Pendelquergang an Bolt zu heikler Schuppe und weiter im Kamin.
  9. SL 40 m 5b und A1/2 „Nose“: Bis zum Baum heikel. Danach breiter Riss, Dachquerung nach rechts und kurze Ausstiegsverschneidung. Wandbuch am letzten Stand.

Abstieg/Abseilen

Abstieg entweder über den Gipfel des Mittleren Höhenberges (20-30 min vom Ausstieg der Route) und Salbithütte oder besser durch Abseilen:

  • SL 9 und SL 8 seilt man direkt ab (35 m, 55 m)
  • SL 7 zurückqueren zum 6. Stand („Zweites großes Band“)
  • 16 m zu Abseilstand mit Fixseil an der Dachkante des „Great Roof“
  • 20 m abseilen und sich zum Stand unterm Dach ziehen
  • 42 m zum „Ersten großen Band“
  • 20 m direkt runter zu Podest
  • 50 m zu kleinem Absatz
  • 20 m zum Wandfuß

Absicherung und Material

Die Stände sind gebohrt (jeweils zwei 10er-Bolts), abgesehen vom Cam-Stand am „Zweiten großen Band“. Außerdem stecken vereinzelt gebohrte Zwischenhaken und Schlaghaken. Inklusiv Standhaken sind es im Schnitt drei Bohrhaken pro Länge. Davon wurde knapp die Hälfte während der Erstbegehung gesetzt, der Rest nachgebohrt, mit dem Gedanken, einzelne Stellen zu entschärfen und den Materialaufwand für Wiederholer in einem angemessenen Rahmen zu halten. Mit dem aufgeführten Material lässt sich die Route weitestgehend gut absichern.

  • 60-m-Seile
  • 1 x Cam BD C3 #00
  • 2 x Cam BD C3 #0
  • 3 x Cam BD C4/X4 #0.2–0.5 (besser Aliens)
  • 2 x Cam BD C4 #0.75–4
  • 1 x Cam BD C4 #5
  • Rock 3–7 (besser Offset-Keile)
  • kleines Set Micro-Offset-Keile
  • 7 Beaks (1 x groß, 3 x mittel, 3 x klein)
  • 8 Knifeblades, verschiedene Längen und Dicken
  • 2–3 LAs, eher dünn
  • 2–3 Angles, eher dünn
  • 1 x Talon (für rechte Variante der 1. SL 2 x Talon)
  • 1 x Grappling Hook o. Ä.
  • Drahtbürste und Fugenkratzer empfehlenswert
  • Mückenspray
  • für den Zustieg feste Schuhe und dünne Lederhandschuhe

Tipps und Taktik

Am besten klettert man die Route in zwei Tagen (Tal bis Tal) mit Biwak am „Ersten großen Band“ und fixiert noch am ersten Tag die nächste(n) Seillänge(n). Ein Biwak ist aber auch am „Zweiten großen Band“ möglich. Den 3. Satz Cams #0.2–0.5 sowie die Cams #4–5 kann man bis zur „Great-Roof-Pitch“ im Haulbag lassen.

Zustieg und Einstieg

Von der Voralpkurve (1402 m, Parkplatz und Bushaltestelle) dem Weg zur Voralphütte folgen. Nach 20 min Gatter, kurz darauf Doppelkehre. 13 m nach der zweiten Kehre weglos rechts hoch in schwache Waldschneise (ca. 1565 m). Den Steinmännern folgen bis kurz vor den Einstieg der Route Traumschiff. Weiter zum Einstieg von Muja Hedder. Nun tendenziell rechts halten, an der Wand entlang (Wegspuren, vereinzelt kurze Fixseile). Nicht links im großen Couloir gehen (Steinschlaggefahr). Mit Bigwall-Gepäck insgesamt ca. 1,5 h. Einstieg auf ca. 1820 m bei kleinem Vorbau der markanten großen Platte (einzelner Bohrhaken).

Text und Bilder: Fritz Miller

Bildergalerie:

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