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„Mit jedem Ort, den wir entdecken, wollen wir mehr sehen!“ – Iris Kürschner und Dieter Haas

Seit fast 20 Jahren sind Iris Kürschner und Dieter Haas als Team „Powerpress“ unterwegs. Als Duo haben die zwei Bergmenschen in dieser Zeit mehr als 40 Bücher über ihr Herzensthema veröffentlicht. Von opulenten Bildbänden über zahlreiche Tourenführer und Revierguides, u. a. im renommierten Rother Bergverlag ist alles dabei. Ihre jüngste Veröffentlichung, „Fotografieren in den Alpen“, ist eine Mischung aus Reiseführer und Bildband – speziell für Foto-Interessierte. Dazu kommen zahlreiche journalistische Arbeiten, etwa für das Outdoor Magazin, oder Multivisionsvorträge bei Festivals. Im Leben von Iris und Dieter dreht sich sehr viel um die Berge.

Bergfotografie und -reportagen auf höchstem Niveau. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch
Bergfotografie und -reportagen auf höchstem Niveau. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

VAUDE Experience: Ihr veröffentlicht Wanderführer, Bildbände, Fotoratgeber, haltet Vorträge. Seid Ihr beruflich Vollzeit-Bergmenschen? Wie kam es dazu?

Iris: Ja, das sind wir! Ich mache das hauptberuflich schon seit Anfang der 90er-Jahre. Ich habe damals Grafikdesign studiert. Meine Leidenschaft war schon immer, mit Bildern Geschichten zu erzählen. Die Reportage war und ist genau mein Format. Und das mache ich seit damals. Ich bin draußen aufgewachsen. Ein Leben im Büro kam für mich nie in Frage.

Dieter: Wir lernten uns vor 19 Jahren kennen. Ich arbeitete damals im Hotelmanagement. Wir merkten schnell, dass wir dieselbe Wellenlänge haben. Iris hat mich sozusagen mitgenommen. Ich bin dann sehr bald aus meinen Job ausgestiegen. Ich wollte mehr Zeit für meine Leidenschaften. Aber was seitdem passiert ist, das habe ich damals nicht geplant. Ich glaube, das haben wir beide nicht geplant.

Iris: Seitdem hat sich viel geändert. Die Digitalisierung hat unsere Arbeit wirklich umgekrempelt. Aber auch hier funktionieren wir als Team bestens. Ich bin eher die Künstlerin und ich liebe es, tief in die Recherche einzutauchen. Dieter ist der Computerexperte und kümmert sich um die Technik. Er hat uns fürs digitale Zeitalter fit gemacht, die Homepage gestaltet, er baut auch die Vorträge und kümmert sich um Video, Marketing und Kommunikation. Das ist sein kreativer Part.

Blick vom Klein Allalin, dem Hausberg der Britanniahütte. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

VAUDE Experience: Apropos Kreativität: Hat die Digitalisierung Euch kreativ eingeschränkt oder neue Möglichkeiten eröffnet?

Dieter: Im Feld ist das ein großer Vorteil, wenn man direkt unterwegs auf die Bilder schauen kann und weiß, was gut geworden ist und was man noch braucht. Und auch sonst sind die Möglichkeiten größer. Denk nur an Video und Timelapse! Gerade beschäftige ich mich zum Beispiel mit der Drohnen-Fotografie. Ich bin da aber noch ambivalent. Die Möglichkeiten sind groß, aber der Aufwand auch. Und das Brummen zerstört die Ruhe und die Idylle. Ich möchte andere nicht stören.

Mit Bildern Geschichten erzählen, dafür lebt Iris Kürschner. Wie hier von Beppe Bruna und seiner selbstgemachten Salami, Rifugio Agrituristica Salvin. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

VAUDE Experience: Einmal angenommen, Ihr könntet nur noch eine Leidenschaft verfolgen: Bergwandern oder Fotografie?

Iris (lacht): Bei mir ist das nicht zu trennen. Ich bin ein Augenmensch so sehr, wie ich ein Draußenmensch bin. Ohne Kamera bin ich fast nie unterwegs.

“Wenn ich keine Kamera hätte, würde ich mit den Augen fotografieren.”

Als Kind bin ich schon mit der Kamera meines Vaters herumgelaufen. Ich betrachte Dinge intensiver durch die Fotografie.

VAUDE Experience: Und verändert die Fotografie die Art, wie Ihr reist?

Dieter: Das kommt immer auf das Projekt an. Bei einem Wanderführer müssen zum Beispiel die Begehungszeiten stimmen. Das liegt mit der Fotografie ein bisschen im Clinch. Dazu kommt, dass wir für einen Wanderführer natürlich die Hütten vorstellen wollen, fotografisch aber oft in der Höhe übernachten, um die Lichtstimmungen in den Dämmerungszeiten einzufangen. Oft genug verpassen wir auch das Essen auf der Hütte, weil wir den Sonnenauf- oder untergang einfangen wollen (lacht).

Iris: Wenn wir ganze Regionen vorstellen, z. B. für einen Bildband, dann planen wir meist sogar doppelt soviel Zeit ein wie für die reine Begehung. Manchmal machen wir Touren auch einfach mehrfach. Mal mit Zelt oder Biwak, mal in Hütten. So gewinnen wir Zeit und erleben eine Gegend viel intensiver.

Für so ein Licht verpassen Iris und Dieter schon mal das Abendessen auf der Hütte. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

VAUDE Experience: Nutzungsdruck und Übernutzung sind in vielen Regionen ein großes Thema. Tragen Sehnsuchtsbilder auf Instagram, Outdoor-Blogs wie VAUDE Experience oder in Bücher wie Euren dazu bei? Haben wir eine Mitverantwortung, indem wir Sehnsüchte wecken?

Iris: Wir haben eine sehr große Mitverantwortung! Und die ist in den letzten Jahren sogar noch einmal größer geworden. Früher habe ich nicht so viel nachgedacht, wenn ich ein Bild veröffentlicht habe. Heute zeige ich zum Beispiel keine Biwak-Bilder mehr, weil das so viel ins Rollen bringt. Es wird von so vielen Menschen gesehen. Und eben auch von vielen Menschen, die bereits von der Natur entfremdet sind, denen Respekt vor der Natur nie beigebracht wurde oder die einfach ihren Spaß haben wollen. Während der Corona-Beschränkungen wurden hier nebenan im Schwarzwald so viele Regeln ignoriert. Wildes Zelten im Naturschutzgebiet und im Nationalpark, Menschen, die querfeldein laufen oder fahren, und, und, und.

Dieter: Ja, das wird immer mehr zum Problem. Viele Menschen wollen die Natur vor allem konsumieren, wie sie andere Dinge konsumieren. Oder die Natur ist ihre Bühne wie manchmal auf Instagram. Was das auslösen kann, hat ja die Debatte um den Post einer Influencerin in einer Wasserfall-Gumpe gezeigt. Dort wird jetzt der Zugang gesperrt, um Nachahmer abzuhalten. Wir sind uns sehr bewusst, was auch wir auslösen können. Nicht nur deshalb orientieren wir uns sehr an einer klassischen Bergsport-Ethik.

Nicht überall ist das Zelten erlaubt. Eine Biwak-Schachtel ist eine gute Alternative. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

Iris (nickt): Das ganze wird durch Social Media extrem forciert, wenn dort unreflektiert gepostet wird, Sehnsüchte verstärkt werden, aber kein Wissen vermittelt. Das ist ein Grund, warum ich so gern über Hintergründe schreibe. Wer Hintergründe kennt, versteht einen Naturraum besser, kann ihn mehr schätzen und begreift besser, warum er schützenswert ist.

VAUDE Experience: Kommen wir noch einmal zu Euren Touren zurück. Gibt es noch Sehnsuchtsziele für Euch oder stumpft man irgendwann ab, wenn man soviel gesehen hat?

Dieter: Nein! Es gibt so viel zu sehen. Selbst wenn wir unser ganzes Leben nur in den Alpen unterwegs wären, hätten wir am Ende sicher nicht alles gesehen. Und die Welt ist so viel größer. Ich bin froh, dass wir das beide schon so lange machen. Ich habe vor dreißig Jahren schon Australien durchquert. Es gibt so viel zu sehen!

Iris: Und mit jedem Ort, den wir entdecken, wollen wir noch mehr sehen. Ganz oft ergibt sich das sogar spontan. Wir gehen über einen Pass, blicken in ein Tal hinunter, schauen uns an und sagen: Das wollen wir uns ansehen! Und es ist spannend, viele Regionen zu erkunden und die Parallelen zu begreifen. Bestimmte Landschaftsformen entdeckt man immer wieder. Gerade in den Piemonteser Alpen hat mich z. B. viel an den Himalaya erinnert.

Menschen und ihre Geschichten spielen in Iris’ Reportagen eine große Rolle. Wie hier ein Mädchen in Spiti, Himachal Pradesh, Indischer Himalaya. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

VAUDE Experience: Zwischen „Auf den Spuren der Hugenotten“ und dem Himalaya ist bei Euch alles dabei. Wie wählt Ihr Eure Touren? Was zieht Euch an oder sorgt dafür, dass Ihr sagt: „Da wollen wir hin“?

Iris: Manchmal systematisch, manchmal zufällig, aber immer Herzenssache. In den Alpen kommt mit jeder Reise oder jeder Geschichte eine neue Idee dazu. Das liegt auch daran, wie wir arbeiten. Ich will immer genauer hinschauen und tiefer graben, die Menschen in den Regionen kennenlernen. Zum Beispiel, als wir auf den Spuren der Säumer auf der Sbrinz-Route unterwegs waren. Das ist eine jahrhundertealte Tradition, die auch heute noch als Saumwanderung lebendig ist. Dort sind wir mitgewandert. Das waren tolle Gespräche mit den Menschen. Deshalb fühle ich mich auch an so vielen Orten der Welt heimisch. Dort, wo spannende Menschen sind. Eine meiner schönsten Reisen resultierte aber aus einer Zufallsbegegnung. Ich war mit meiner Schwester in Thailand. Dort haben wir von einem Reisenden ein Buch bekommen: „Das Haus unter den sieben Buddhas“. Das Buch erzählt die Geschichte der Herrnhuter im Himalaya. Die Landschaften und die Menschen waren so lebendig beschrieben, dass mich das nicht losgelassen hat. Dort wollte ich hin. Und es war eine meiner schönsten Reisen und ein Riesenabenteuer. Eine Episode wurde 1999 auch verfilmt: „Das Tal der Wolkenmenschen“ für die Serie „Länder-Menschen-Abenteuer“.

Dieses Buch führte Iris erstmals in den Himalaya. Bild: Interview-Screenshot | velonauten

Dieter: Manchmal ist es auch genau andersherum. Dann bekommen wir einfach einen Auftrag und fangen an. Wir entdecken eine Region, verlieben uns und wollen noch mehr sehen. Wie Iris vorhin sagte: Manchmal sieht man einfach etwas und das zieht uns magisch an.

“Die Natur ist so ein wunderbarer Designer.”

Aber wir beide lieben offene Regionen, Hochebenen, Berge oder das Meer. Ich hab auch das Meer sehr gern. Früher war ich leidenschaftlicher Taucher.

VAUDE Experience: Seht Ihr Euch eher als Bergwandernde oder als Bergsportler:innen?

Dieter: Nicht als Sportler. Wir wollen genießen und verweilen. Wenn irgendwo ein schöner Bergsee ist, wollen wir hineinspringen und uns zum Trocknen in die Sonne legen. Sport hat immer die Verbindung zum Wettkampf, das suche ich in der Natur nicht.

Iris: Ich auch nicht! Wir sind Naturmenschen, Abenteurer, Genussmenschen. Aber es geht uns nicht um den Wettbewerb. Höher, schneller und weiter – das ist nicht unser Satz.

Offene Landschaften üben einen besonderen Reiz auf Iris und Dieter aus. Hier der bayerische Walchensee. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

VAUDE Experience: Ihr arbeitet mit VAUDE als Ausrüster zusammen – wie kam es dazu?

Iris: Das ist schon ewig her. Ende der 90er habe ich für das Magazin Outdoor ein Sonderheft über den Bodensee gemacht. Darin wurde damals Vaude portraitiert. So kam es zu der Zusammenarbeit. Ich habe auch schon andere Marken probiert, aber ich bin wirklich Fan von Vaude.

“Ich bin Fan von Vaude. Mir gefällt die Nachhaltigkeitsphilosophie und dass Vaude vorangeht!”

Außerdem sind die Sachen technisch wirklich gut. Früher schwor ich auf Baumwolle, bis ich gemerkt habe, wie schlecht das funktioniert. Vaude setzt Naturmaterialien ein, wo es Sinn macht und technische Materialien in anderen Bereichen.

Dieter: (lacht) Und heute sehen die Sachen richtig gut aus. Früher war Outdoorbekleidung eher eine grobschlächtige Klamottenhülle.

Iris: (lacht auch) Stimmt! Endlich nichts Sackartiges mehr.

Wanderer über dem Nebelmeer. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

VAUDE Experience: Euer wichtigster Ausrüstungstipp für die Berge?

Dieter: Die Basics muss ich nicht mehr erwähnen, denke ich. Zum Beispiel das Zwiebelprinzip. Aber einen Tipp, der mehr und mehr verloren geht, habe ich: Nehmt Karte und Kompass mit und lernt, sie zu bedienen. Viele Menschen verlassen sich auf ihr Smartphone und sind dann ganz hilflos, wenn der Akku alle ist oder kein Handy- oder GPS-Empfang besteht. Und selbst wenn das nicht passiert: Ihr seid in der Natur unterwegs; genießt, wenn es irgendwo keinen Handyempfang gibt!

Iris: Und Karten erlauben es, spontan zu sein, einfach in ein schönes Tal abzusteigen und die Tour umzuplanen, Verbindungen zu finden.

VAUDE Experience: Was sind Eure nächsten Pläne? Auf welche Vorträge oder Bildbände dürfen wir uns schon freuen?

Dieter: Es gibt einen Ort, wo wir noch nie waren und den wir sehr auf dem Zettel haben: Neukaledonien. Eine Inselgruppe im Südpazifik zwischen Neuseeland und Neuguinea. Dort erheben sich die tropischen Berge direkt aus dem Meer. Wir haben schon ähnliche Touren gemacht, auf Réunion zum Beispiel. Wir entdecken Ähnlichkeiten mit den Alpen und haben trotzdem das Meer.

Die Piemonteser Alpen mit ihren ursprünglichen Tälern und Dörfern haben es Dieter und Iris besonders angetan. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

Iris: Es zieht uns immer wieder ins Piemont, bzw. in die Piemontesischen Alpentäler. Für den Rother-Verlag waren wir viel in den französischen Alpen unterwegs und dann schickte er uns ins Piemont. Wir dachten erst, „Muss das sein? Auf die andere Seite?“ Aber als wir auf die Grande Traversata delle Alpi (GTA) gestoßen sind, war das der Anstoß für unsere Vortragstätigkeit. Die GTA führt durch ein Randgebiet, wo der italienische Staat kein Geld hineinsteckt. Ein Gebiet, das stark von der Landflucht betroffen ist. Heute schafft sanfter und naturnaher Tourismus die Wende in den Tälern. Die abgewanderten Menschen kommen zurück. Das ist ein positiver Tourismus, der den Menschen in den Tälern zugutekommt, keinen auswärtigen Investoren. Das ist der Tourismus der Zukunft – und das wollen wir zeigen.

VAUDE Experience: Vielen Dank für das Gespräch!

Zum Weiterlesen:

Wer Lust auf die Bücher von Iris Kürschner und Dieter Haas bekommen hat, kann sie direkt bei den beiden bestellen, z. B. ihr angesprochenes aktuelles Werk „Fotografieren in den Alpen“ – handsigniert über ihre Webseite: www.powerpress.ch.

In unserer Artikel-Serie „Das Tausend-Sterne-Hotel“ haben wir Regeln und Tipps für die naturverträgliche Übernachtung unter freiem Himmel zusammengefasst.

Fotos: Iris Kürschner | www.powerpress.ch
Text und Interview: Arne Bischoff | velonauten

Hirte im Valle di Gesso im Piemont. Bild: Iris Kürschner | www.powerpress.ch

Die richtige Ausrüstung zum Wandern findet ihr hier.

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