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Mit Heißluft zum Freeriden

Die Tiroler Berge sind ihr Abenteuerspielplatz, ein Heißluftballon das Gefährt dorthin: Im Freeride-Filmprojekt „Heimschnee“ machen sich fünf Rider samt Filmcrew auf, das Unmögliche zu wagen.

Wenn die fettesten Lines schon alle gefahren wurden, und die Jumps schon jetzt unermessliche Höhen erreichen, stellt sich die Frage, ob auch das letzte Freeride Abenteuer bereits gelebt wurde. Die rasante Entwicklung der Freerideszene erweckt hin und wieder den Eindruck, dass der Zenith des Möglichen so ziemlich erreicht ist. Dieses Gefühl macht sich auch bei Freunden der Szene bemerkbar und zeigt sich – gerade bei Filmprojekten – durch erste Sättigungstendenzen.
Konfrontiert man die zehnköpfige Freerider- und Film Crew von Heimschnee damit, bekommt man eine klare Antwort: es gibt mehr zwischen Erde und Freeridehimmel als pures Adrenalin. Was diesen Sport so lebensnotwendig macht, ist zum einen die Gemeinschaft, in der man Geschichten erlebt. Zum anderen das back to nature, das immer schwieriger wird. Und drittens die zeitweilige Abnabelung von einer Gesellschaft, die uns glauben lässt, dass einzig das “immer mehr” Besserung für die akute Leere in uns verspricht.

Heimschnee – ein Freeride-Film der anderen Art

Das Filmprojekt Heimschnee hat sich daher zum Ziel gesetzt, einen Freeride-Film mit Spielfilm-Charakter zu drehen, bei dem es in erster Linie um das Lebensgefühl hinter der Sportart geht. Seit zwei Jahren ist dafür die Tiroler Bergwelt der Abenteuerspielplatz. “Natürlich suchen auch wir spektakuläre Freerideski- und Snowboardabfahrten, aber es ist uns vor allem wichtig, eine Geschichte zu erzählen. Wir wollen zeigen, wie schön unsere Natur ist und wie wenig man braucht, um zufrieden zu sein”, erklärt Stephan Keck, Initiator des Heimschnee-Projektes. In der Alpinszene bekannt wie ein bunter Hund, hat sich Stephan mit zahlreichen spektakulären Expeditionen fernab seiner Tiroler Heimat einen Namen gemacht. Nach jahrzehntelangem Reisen will er nun zeigen, was die heimische Tiroler Natur an Schönheit und Potential besitzt. Aus dieser Motivation heraus wird der Film ausschließlich in Tirol gedreht.

Heimschnee handelt von fünf Skifahrern, Snowboardern und Alpinisten, die ein Aussteigerleben führen, um ihren eigenen Traum fernab jeglicher Zivilisation und Konventionen zu leben. Neben der unablässigen Suche nach perfektem Schnee und abenteuerlichen Abfahrten ist diese Art zu leben auch eine Bewährungsprobe für die einzelnen Gruppenmitglieder. So wird der Traum von Freiheit und Unabhängigkeit im Film schon bald in Frage gestellt.

Freeriden um jeden Preis?

Die Wertvorstellungen der Heimschnee-Crew sind klar: Freeriden um jeden Preis ist absolut nicht ihr Ding. “Wir versuchen, so umweltschonend wie möglich zu sein”, bringt es Andreas Gumpenberger, der einzige Snowboarder des Teams, auf den Punkt. Das bedeutet konkret, dass sowohl die Rider als auch das Filmteam meistens zu Fuß unterwegs sind. Für Anfahrten in Täler und zu Ausgangslagen wird statt eines Skidoos ein Hundeschlitten verwendet. Bei einer Filmproduktion nicht immer ein leichtes Unterfangen.

“Nachhaltiges Produzieren bedeutet einen extremen Zeitaufwand. Mit der Präsentation unseres Filmes bei der Alp-Con Tour 2016 haben wir natürlich einen gewissen Zeitdruck”, erklären Johannes Aitzetmüller und Markus Zimmermann, verantwortlich für Regie, Film und Cut. Obwohl der Gebrauch eines Helis Abhilfe versprechen würde, schließt Heimschnee diese Alternative kategorisch aus. Nachhaltiges Freeriden muss auch in der Produktion gelebt werden.

Nach viel Hirnschmalz war für das Heimschnee-Team klar: ein Heißluftballon musste her. Viel umweltschonender als jeder Heli, und trotzdem ist es möglich, in kurzer Zeit hoch hinauf zu kommen. Der Ausstieg? Ganz einfach – abseilen. Soweit so gut. Nun hat schon Karl von Holtei treffend formuliert: “Die Theorie träumt, die Praxis belehrt.”

Ballonskiing und seine Gefahren

“Ballonfahren assoziieren viele Menschen mit Ruhe und Gemütlichkeit. Gerade in den Bergen kann eine solche Fahrt aber zum reinsten Abenteuer werden”, erklärt Andy Nairz, Inhaber der Firma alpineballooning in Innsbruck. Er hat sich bereit erklärt, mit Heimschnee das scheinbar Unmögliche zu wagen: “Normalerweise lassen wir mindestens 200 Meter Abstand von jeglichen Gipfeln und Graten. Will man jemanden vom Ballon abseilen, muss man aber auf 20 Meter Abstand zum Boden.”

Das ist bei weitem nicht alles, was beim Ballonskiing zu beachten ist: “Grundsätzlich gibt dir der Wind die Richtung vor. Das bedeutet, dass du lediglich die Höhe variieren kannst, und auch das nur bedingt. Leewinde an Graten, Felswänden und Gassen können da schnell zur Gefahr werden, weil der Ballon nur langsam reagiert.” Doch es kommt noch besser: “Für eine solche Aktion dürfen wir uns maximal mit Windgeschwindigkeiten um die 30 km/h fortbewegen, sonst wird es für die Rider zu gefährlich beim Ausstieg.” Schließlich ist es nicht ganz ohne, möglicherweise einige Meter am Boden mitgeschliffen zu werden. Die Minuten vor und nach dem Ausstieg der Fahrer sind für den Piloten extrem anspruchsvoll. Einerseits muss er die Umgebung im Auge behalten, um sicherzugehen, dass der Ballon nach dem Ausstieg gefahrlos steigen kann. Andererseits muss er gewährleisten, dass die Fahrer sicher am Boden ankommen. Wo das Abenteuer im Ballon für die Rider zu Ende ist, bleibt Andy Nairz noch auf Hochspannung: “Sobald sich die Fahrer aus den Seilen ausgeklinkt haben, verliert der Ballon von einer Sekunde auf die andere fast 300 Kilogramm an Gewicht und schießt extrem in die Höhe.” In einer Umgebung, die man sonst nur aus der Ferne betrachtet, zerrt eine solche Aktion stark an den Nerven.

Vorbereitung auf das Abenteuer Ballonskiing

Auch für die Fahrer von Heimschnee ist das Balloonskiing kein Sonntagsspaziergang. “Eine Anfahrt zum Freeriden auf diese Art hat vor uns noch keiner gemacht. Es gibt also keine Erfahrungswerte. Für uns als Fahrer bedeutet das viel Vorbereitung”, erklärt Stefan Ager, einer der vier Skifahrer im Heimschnee-Film.
Welcher Knoten eignet sich dafür, die Fahrer vor zu weitem Abseilen zu schützen, lässt sich aber gleichzeitig schnell öffnen, um sie vom Ballon zu trennen? Was passiert, wenn der Ausstieg nicht möglich ist, weil der Wind zu stark ist? Wenn das Ausstiegsziel verfehlt wurde und man am Seil hängend wieder Richtung Himmel befördert wird? Diese Fragen zeigen, dass hinter dem eigentlichen Erlebnis eine Menge Arbeit steckt. “Zuerst wurden die wichtigsten Seiltechniken im Klettergarten geübt, danach haben wir ein Trockentraining am Fesselballon (Anm.: Ballon ca. 30 Meter in der Luft, am Boden befestigt) durchgeführt, und erst dann ging es wirklich ans Eingemachte. Andy gab am Vortag grünes Licht für den Start und zeigte, in welchen Umkreis es uns ungefähr verschlagen könnte. Dann begann für uns die eigentliche Planung der Tour”, fasst Stefan die Vorbereitungsphase zusammen.

Die Tourenplanung ist bis zur letzten Minute unsicher

Da je nach Entwicklung der Windrichtung und -stärke nur ungefähr gesagt werden kann, wo die Fahrer am Ende aufsetzen, verläuft auch die Tourenplanung nicht wie bei herkömmlichen Skitouren. “Wir haben ein Einzugsgebiet von mehreren Kilometern. In diesem Bereich versuchen wir, die optimalen Abfahrten zu finden”, erklärt Andreas Gumpenberger. “Wir wissen jedoch bis zur letzten Minute nicht genau, wo wir landen werden. Darum sind wir ausrüstungstechnisch von Steigeisen bis hin zum Biwak mit allem gewappnet.”

Ein neuer Trend ?

Dass Balloonskiing möglich ist, hat Heimschnee bewiesen. Dass diese Art der Anreise zum Freeriden nicht ganz unkompliziert und zuweilen auch risikoreich ist, ebenso. Doch gerade das Gros an Unsicherheiten, die mit Balloonskiing verbunden sind, machen auch dessen Reiz aus. Ob es sich als Alternative zum Heliskiing durchsetzen wird, sei dahingestellt. Die Crew von Heimschnee wird jedoch auch im kommenden Winter wieder in ihrem Ballon anzutreffen sein.

Mehr Infos zum Film unter: www.heimschnee.at

 

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