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Indonesien

Vulkane, Götter, Legenden und exotische Trails – Die etwas andere Fahrradreise

„Wie von Geisterhand verdunkelt sich der Himmel über die Kontinente. Ein greifbarer Schleier aus Staub und Asche bricht die Strahlen der Sonne um ein Vielfaches und der runde Feuerball leuchtet nur noch in einem fahlen dunklen Orange am Himmel.“

Wir schreiben das Jahr 1815. Es wird als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte eingehen. Durch die gewaltige Eruption des auf der indonesischen Insel Sumbawa gelegenen Vulkan Tambora, spielen Wetter und Temperaturen verrückt. Die Folgen dieses Ereignis sind globale Naturkatastrophen bedingt durch sintflutartige Niederschläge und niedrige Temperaturen mit außergewöhnlichen Schneefällen in den Sommermonaten. In Europa kommt es zu katastrophalen Missernten, die unter anderem die Ursache für ein Massentiersterben aus Futtermangel sind. Vierbeiner wie Pferde, Ochsen und Esel, wichtigste Transportmittel der damaligen Zeit, werden fast zur Gänze dezimiert. Angetrieben durch diese für die Menschen verheerende klimatische Krise, tüftelte ein gewisser Freiherr von Drais in Baden an einer zukunftsfähigen Mobilitätsalternative und kreierte den ersten durch menschliche Muskelkraft angetriebenen zweirädrigen Untersatz. Es ist die Geburtsstunde des „Velocipede“, der Ursprung des modernen Fahrrads.

Zweihundert Jahre sind seitdem vergangen. Das Jubiläum dieser, wohl für jeden Fahrradliebhaber faszinierende Begebenheit hat uns zu dem besonderen Bike-Abenteuer auf den kleinen Sundainseln in Indonesien inspiriert. Nachdem wir unser Hauptziel, die Besteigung und Befahrung des 2.850 m hohen Vulkans Tambora, festgelegt hatten, sind uns beim Sichten der Karte des indonesischen Inselarchipels weitere vier markante Vulkane auf den Nachbarinseln aufgefallen. Der „Kelimutu“ und „Inerie“ auf Flores, der hohe „Rinjani“ auf Lombok und der „Batur” auf Bali. So entstand die Idee, unsere zwei großen Leidenschaften, das klassische Radreisen und das Mountainbiken zu kombinieren. Der Plan war, die Inseln mit dem Bikes zu durchqueren und auf die Suche nach neuen unbekannten Singletrails zu gehen.

Um unseren Plan in die Tat umzusetzen, haben wir uns dazu entschieden, unsere Enduro Bikes zu verwenden und diese für den Gepäcktransport mit einem abkoppelbaren Anhänger zu versehen.

Nach einer langen Vorbereitungsphase war es dann im Oktober 2016 endlich soweit!
Erster Stopp, die Götterinsel Bali, auf der wir einige Tage zur Akklimatisierung verbringen werden. Schließlich verläuft die von uns geplante Tour nahe der Äquatorlinie und an die dementsprechend feucht heißen, tropischen Temperaturen muss sich unser Metabolismus erst einmal gewöhnen. Per Inlandsflug geht es dann weiter nach Maumere im äußersten Osten der Insel Flores. Das Abenteuer kann losgehen!

Flores – Vulkan Kelimutu 1.639 m

Die ersten beiden Tage Fahrt von Maumere über Paga nach Moni, das am Fuße des Berges Kelimutu gelegene Dorf, haben es in sich. Müssen wir doch feststellen, dass den indonesischen Straßenbauarchitekten die bei uns gebräuchliche Serpentinenbauweise zur Überwindung steilerer Hügel, Kuppen und Berge nicht so geläufig ist. Dementsprechend öffnen die hier vorherrschenden Straßen-Steigungswinkel auch noch die verborgensten unserer Schweißporen. Atemberaubend schöne, tropische Berg- und Küstenlandschaften sowie die Begegnungen mit außergewöhnlich freundlichen Einheimischen entschädigen uns vollends für diese körperlichen Strapazen.

Die drei Seen am Gipfel des Kelimutu, die über die Jahre immer wieder die Farben wechseln, sind Quelle vieler Legenden der hier ansässigen Bevölkerung. Den dreizehn Kilometer langen Anstieg zum heiligen Vulkan beginnen wir um zwei Uhr früh. Nach einer zweistündigen Wartezeit im Morgengrauen waren die Berggeister gut gestimmt und so durften wir die faszinierenden, türkisblau schimmernden Seen im Schein der aufgehenden Sonne bewundern. Ein atemberaubender Anblick! Nachdem sich mit den ersten Sonnenstrahlen auch unsere Körpertemperatur wieder im Normalbereich eingependelt hat, starten wir unsere Abfahrt. Etwas verwundert und staunend, aber doch mit viel Freude und voller Enthusiasmus feuern uns die einheimischen Pilger auf den unzähligen Stufen, die vom Gipfelplateau herunterführen, an.

Am offiziellen Einlass zur heiligen Pilgerstätte folgen wir rechts einem Pfad, der durch tiefsten Dschungel führt. Fantastisch! Ein flowiger Trail der durch ein faszinierendes botanisches Labyrinth führt. Schließlich lichtet sich der Wald und am Rande von Kaffeeplantagen die sich mit Bananenpflanzungen abwechseln geht es steil hinunter zu den ersten kleinen Dörfern wo wir im Vorbeifahren von alten Frauen, die am Webstuhl ihre traditionellen Decken anfertigen, herzlich begrüßt werden. Mit den schwindenden Höhenmetern steigt nun auch wieder die Umgebungstemperatur. Heiß! Schweiß! Zurück in Moni gönnen wir uns ein leckeres Frühstück und lassen den Tag Revue passieren. Ein wirklich lohnenswerter Bike Ride!

Flores – Vulkan Inerie 2.245 m

Mit über 200 Kilometern und guten 3.000 Höhenmetern fordert die Strecke von Moni nach Bajawa von unseren Wadeln wieder einiges an Strampelstunden. Wir folgen dem sogenannten „Flores Highway“, der einzigen Straße die die Insel in ihrer Breite durchquert.

Es ist keine vierspurige Autobahn wie die Bezeichnung ahnen lassen würde, sondern ein einfaches zweispuriges Asphaltband, dass sich von Ost nach West durch die bergige Insel windet. Die fantastisch schönen Ausblicke auf einsame Buchten in deren transparenten Wasser ausgedehnte, unberührte Korallenriffe zu sehen sind, beflügeln unsere Kräfte.

Bald schon, nach Verlassen der Küste fesselt ein hoch aufragender Berg, der die Umgebung dominiert, unsere Aufmerksamkeit. Perfekt geformt, klassisch konisch, so wie man sich einen ästhetischen Vulkan vorstellt, thront der 2.245 m hohe inaktive Gunung Inerie in der Landschaft. Steil fallen seine Flanken. Unsere Blicke gleiten immer wieder in Richtung Gipfel und die Frage ob sich dort vielleicht ein fahrbarer Trail befindet beschäftigt uns je intensiver desto mehr wir uns der auf 1.100 m gelegenen Stadt Bajawa nähern.

Einen Tag Regeneration nutzen wir, um uns ein traditionelles Dorf der Ngada, eine altmalaiische Ethnie, die sich vor vielen Generationen hier angesiedelt hat, zu besichtigen. Wir erhaschen dabei einen kleinen Einblick in deren fortlebende archaische Kultur. Faszinierend!

Nirgends konnten wir Informationen bzw. Berichte über eine Befahrung des Gunung Inerie mit dem Mountainbike finden. Auch unser Guide reagiert skeptisch als wir um drei Uhr morgens samt Rädern am Ausgangspunkt unserer Besteigung erscheinen. Anfangs windet sich der Pfad, den wir eingeschlagen haben, durch eine steppenähnliche Vegetationszone. Dann wird es steiler, kahler und rutschig und zahlreiche Spitzkehren führen durch das Gelände. Am Horizont steigt die Sonne aus dem Meer und wir erreichen über einen kleinen Grat den Gipfel. Die Aussicht ist grandios!

Fasziniert von der Schönheit der umliegenden Naturlandschaft verharren wir eine ganze Weile am Gipfel. Unter uns zeichnet der Schatten, wie mit einem Lineal gezogen, die perfekte pyramidenförmige Silhouette des Berges. Dann wird die Sattelstütze versenkt, der Reifendruck vermindert, der Adrenalinspiegel steigt und der Blick ist fokussiert.

Es wartet eine verrückte Aktion! Steil geht es durch Spitzkehren bergab. Grip? Kaum! Das Ganze wird zu einer aufregenden Rutschpartie. Die Schlüsselpassage befindet sich auf halber Höhe des Berges. Eine extrem steile Schotterrinne. Geschafft! Cool! Erstbefahrung! Happy! Am Ende der Tour, am Fuße des Inerie warten noch die heißen Quellen auf uns. Ein Wellness Bad im Dschungel. Herrlich! Was für ein Tag!

Sumbawa – Vulkan Tambora 2.850 m

Die nächste Challenge wartet, wir radeln auf der Transflores weiter in Richtung Westen. Nächste Stopps sind Borong, Ruteng und schließlich die kleine Hafenstadt Labuanbajo. Wieder waren es etliche Anstiege, Abfahrten und Gegenanstiege die uns gefordert haben.

Mit einer öffentlichen Fähre setzen wir in sieben Stunden von Flores auf die Insel Sumbawa über. Von Sape im äußersten Osten der Insel radeln wir in nordwestlicher Richtung zur Sanggar Halbinsel, auf der sich der Vulkan Tambora befindet. Touristisch ist die Gegend wenig erschlossen.

In dem kleinen Dorf Kampong Bali auf 600 Meter Meereshöhe startet dann unser drittes Trail Abenteuer. Anfangs führt die Trekking Route durch einen relativ dicht bewachsenen, tropischen Dschungel. Wir versuchen die Bikes zu schultern, geben dies aber bald wieder auf, da die Räder immer wieder irgendwo hängen bleiben. Zum Glück geht es anfangs nicht allzu steil bergauf und es gelingt uns schließlich doch, etliche Teilstücke fahrend zu bewältigen. Der Tambora? Irgendwo da hinten verdeckt von einer dicken Wolkendecke, die inzwischen stetigen Nieselregen auf unsere verschwitzten Körper prasseln lässt. Die Romantik der mystischen Stimmung verderben uns kleine unansehnliche, eklige, nervig aufdringliche Wesen: Blutegel. Die haben uns jetzt gerade noch gefehlt. Die ersten tausend Höhenmeter sind geschafft und wir finden auf 1.630 m einen schönen Platz für unser Basecamp.

Nachtwache um 1:30 Uhr. Großzügig planen wir die Stunden zum Gipfel, da wir keine Ahnung haben, wie lange ein Aufstieg mit dem Bike in Anspruch nehmen wird. Auf jeden Fall wollen wir rechtzeitig zum Sonnenaufgang oben sein. Im Licht unserer Stirnlampen wandern wir erst noch durch mäßig steilen Dschungelwald. Es folgt einer Savanne ähnlicher Abschnitt der übergeht in Vulkangestein und rutschigen Sand. Zügig kommen wir voran und stehen viel zu früh am Gipfel. Die Sonne befindet sich noch im Tiefschlaf, der Wind ist eiskalt, die Körpertemperatur sinkt und dementsprechend unangenehm wird die Wartezeit. Aber es lohnt sich. Wieder dürfen wir einen fantastischen Sonnenaufgang erleben.

Die Landschaft unter und um uns ist einfach atemberaubend. Wir verweilen auf einer kurzen geistigen Zeitreise zu den Anfängen des Fahrrads, dessen Erfindung ja mit diesem Gipfel, auf dem wir gerade stehen, zusammenhängt. Und dann geht es los! Der erste sandige Abschnitt über Lava mit Blick auf den 1.100 m tiefen Krater ist der absolute Wahnsinn! Es staubt! Gut befahrbar und richtig flowig ist der Kraterrand. Zurück im Base Camp gibt es erst mal eine Stärkung bevor wir den schwierigen Abschnitt durch den Dschungel angehen: Fahren auf Schmierseife! So ähnlich fühlt sich das an. Extrem rutschige, schwierige Passagen über nasse Wurzeln verlangen uns einiges an fahrtechnischem Können ab. Ausgelaugt und total erschöpft rollen wir die letzten Höhenmeter zurück nach Kampong Bali. Pures Abenteuer!

Lombok – Vulkan Rinjani 3.726 m

Mit einem traditionellen Fischerboot schippern wir mit unseren Bikes samt Anhänger von der Halbinsel Sanggar bis nach Sumbawa Besar. Nach einer mehrstündigen, aufregend schönen Bootsfahrt durch kristallklare Gewässer gehen wir im Hafen der Inselhauptstadt von Bord. Für zwei Nächte quartieren wir uns hier in einem netten Guesthouse ein. Körperliche Regeneration, hohe Kalorienaufnahme und große Wäsche stehen auf dem Programm bevor wir wieder weiter in Richtung Süden aufbrechen.

Wir folgen einer einsamen, abenteuerlichen, quer durch die Insel führende Piste und erreichen nach zwei Tagen die wilde Bucht von Sekongkang. Meterhohe Wellen preschen hier mit einer ungeheuerlichen Kraft an die Küste. Ein fantastisches Naturschauspiel und ein hervorragendes Surf-Revier für hartgesottene Profi-Wellenreiter.

Von Benete aus geht es weiter per Boot auf die Insel Lombok. Die Anfahrt nach Sembalun am Fuße des Gunung Rinjani schlägt alles Bisherige. Es geht noch steiler! Dazu rumort in unserer Vorstellung der Gedanke, ob sich diese Auffahrt überhaupt lohnt? Hat uns doch schon bei unserer Ankunft an der Küste Lomboks die Nachricht ereilt, dass der Gunung Rinjani wieder aktiv sei und auf Grund der Ausbruchsgefahr jegliche Trekkingtouren zu dem Berg von offizieller Seite verboten wären. Schließlich entscheiden wir uns doch für einen genaueren Situationscheck vor Ort.

Zwar haben wir von den indonesischen Naturpark-Behörden keine Erlaubnis für eine Gipfelbesteigung mit dem Bike bekommen, aber gegen eine Trekkingtour mit offiziellen Guide hatten sie im Moment nichts einzuwenden. Trotz Enttäuschung über den Verzicht einer Befahrung mit dem Bike, war die Besteigung des Gunung Rinjani ein Highlight auf unserer Reise. Der 3.726 m hohe Vulkan ist mystisch und faszinierend zu gleich. Vom Gipfel aus erblickt man die Insel Bali mit seinen hoch aufragenden Vulkan Agung.

Wunderschön! Irgendwo dahinter liegt unser nächstes Ziel. Der Mount Batur, dessen Gipfel wir hoffentlich wieder mit den Bikes befahren können.

Bali – Vulkan Batur 1.717 m

Nach fünf Wochen Abenteuer bleiben uns nur noch ein paar Tage für unsere letzte Vulkanbesteigung auf Bali. Mit seinen 1.717 m ist der Gipfel des Vulkan Batur ein relativ einfach zu erreichendes Ziel und damit ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Nach zirka zwei Stunden Aufstieg stehen auch wir mit unseren Bikes am Gipfel. Das Panorama ist eindrucksvoll und am Horizont zeichnet sich die Silhouette des Rinjani auf Lombok ab.

Nun heißt es warten, warten bis der Großteil der Touristen hier auf dem Batur wieder ihren Abstieg antritt. Derweil beobachten wir die Aktivitäten des Vulkans. Schwarzgelbe Schwefelwolken steigen in den Himmel und ein sanft brennender Geruch irritiert unsere Nasenschleimhäute. Dann endlich freie Fahrt! Der Trail vom Gipfel ist anfangs steil, teilweise etwas verblockt aber fahrbar. Es folgt eine Umrundung des Kraterrandes. Mega! Äußerst flowig präsentiert sich dann der letzte Abschnitt durch den tropischen Dschungel, Trailgenuss pur!

Es bleibt uns noch ein wenig Zeit und wir shutteln auf die Hinterseite des Mt. Batur zu den Black-Sand-Spots. Schwarze Hügel und Dünen aus Lavasand, einfach zu erklimmen und ideal für langgezogene Freeride-Turns. Für uns ein krönender Abschluss mit jeder Menge Spaß.

Das Ende naht und die letzten zwei Tage verbringen wir im Süden Balis an der bei Surfern sehr beliebten Echo Beach. Das Brausen der Wellen in den Ohren und das Licht der sinkenden Sonne in den Augen lassen wir die intensiven, schönen und aufregenden Tage der letzten Wochen Revue passieren. Gelungen! Ein in jeder Hinsicht tolles Abenteuer! Danke „Wonderful Indonesia“!

Text und Fotos: Claudia Kremsner und Markus Micheler
Sponsoren und Partner: VAUDE, TF-Bikes, Julbo, Lupine, Tout Terrain

 

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