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“Höhlenfahrt!”

Eine bemerkenswerte und spannende “Alpine Tieftour” – erlebt, gemeistert und erzählt von Biker Johannes Pistrol:

Mit dem Rad in hochalpine Regionen vorzudringen, einsame Gipfel zu ersteigen und anspruchsvolle Steige für die Abfahrt zu nutzen, ist wohl meine liebste Spielart des Mountainbike Sports. An diesem Freitagnachmittag sollte es jedoch nicht hoch hinaus gehen und auch kein Gipfel sollte erklommen werden. Vielmehr befand sich unser Ziel tief im Inneren des Berges, dutzende Meter unter jedem möglichen Gipfelerlebnis.



Wenige Tage zuvor hatte ich mit Andi und Martin im Biergarten gesessen und über mögliche Bike-Abenteuer diskutiert. Andi, immer ein Garant für kreative Projektideen, erinnerte sich an seine aktive Zeit als Höhlenforscher und schlug vor, den bergmännischen und speläologischen Begriff einer Höhlenbefahrung allzu wörtlich zu nehmen. Auch die passende Höhle für eine Befahrung hatte er bereits parat, eine Durchgangshöhle in der Steiermark hatte sein Interesse geweckt.

Schauergeschichten über verirrte Höhlenbesucher

Bei all meiner Erfahrung im alpinen Gelände hatte ich doch ordentlichen Respekt vor unserem Vorhaben. Unter Tage sind zum Teil andere Qualitäten gefragt und speziell über die Orientierung in einem kilometerlangen und verzweigten Höhlensystem sollte man sich Gedanken machen. Ich versuchte so viele Informationen wie möglich über die Höhle zu bekommen und tat mein Bestes, mich durch Schauergeschichten über zahlreiche verirrte Kameraden und Höhlenbesucher, die sich aus Angst vor dem Verdursten in der Höhle erhängt hatten, nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Stattdessen sah ich mir unzählige Fotos in der Hoffnung an, darauf die Befahrbarkeit mit einem Mountainbike beurteilen zu können.

Als wir schlussendlich zu unserem Abenteuer aufbrechen, ist die Euphorie zunächst ein wenig gebremst. Meteorologen irren sich nach meinem Gefühl deutlich seltener, wenn es um die Prognose von Schlechtwetter geht und so ist auch an besagtem Freitag das Wetter deutlich weniger einladend als erhofft. Trotz der mäßigen äußeren Bedingungen überwiegt die Neugierde bei weitem und wir machen uns an die knapp zwei Stunden Zustieg im Dauerregen. Immerhin beschleunigen der Regen und die Aussicht auf die vermeintlich trockenere Höhle unsere Schritte und wir erreichen trotz reichlich Übergepäck in Form von Kameras, Fotoapparaten und natürlich meinem Bike schon bald den Westeingang der Höhle. Unser Plan ist, zunächst die Höhle vom tiefer gelegenen Westeingang zum Osteingang zu durchsteigen, um den Weg durch die Höhle zu suchen, die Befahrbarkeit mit dem Bike abzuwägen und schließlich unter Ausnutzung des Gefälles die Durchgangshöhle von Ost nach West zu befahren.

Schmelzwasserdusche bringt “Erfrischung”

Rasch werden die Stirnlampen montiert und mit geschultertem Rad steigen wir in die Höhle ein. Auf unserem Weg durch die Höhle erkennen wir die „Klamm“, die „Kirche“ und andere markante Stellen, deren Beschreibung wir in den vielen Berichten über die Höhle gelesen haben. Wir freuen uns über unser rasches Vorwärtskommen und stehen schon bald vor dem Knackpunkt unserer Unternehmung. In den Berichten war immer wieder von einer Engstelle zu lesen. Auf den Fotos im Internet war schwer zu erkennen gewesen, ob es möglich war, ein Fahrrad durch diese Engstelle zu schleusen. Nun würde sich entscheiden, ob ein Weiterkommen überhaupt möglich war. Es war schnell klar, dass ohne Verkleinerung der Transportmaße das Bike nicht durch die wenige Dezimeter breite Spalte zwischen den Felswänden geschafft werden konnte. Ich entschloss mich für einen Ausbau des Vorderrades und halb gehend, halb kriechend bugsierte ich mein dezimiertes Fahrrad durch die entscheidenden Meter, um auf der anderen Seite von einer – von der Decke der Höhle tropfenden – Schmelzwasserdusche in Empfang genommen zu werden.

Schau Dir Johannes’ “Abenteuer unter Tage” als Video an:

Auf den nächsten Metern ist das Vorankommen wieder deutlich einfacher und wir gelangen in die Kreuzhalle. Drei Studenten war vor über hundert Jahren in der Höhle die einzige Lichtquelle erloschen. Sie suchten einen Ausgang indem sie sich an der vor ihnen liegenden Felswand entlangtasteten. Die vermeintlich in die Freiheit führende Felswand war allerdings tatsächlich ein Pfeiler mit 50 Metern Umfang, den die drei Unglücklichen umrundeten, ehe sie in der Höhle den Tod fanden. Zum Gedenken sind an besagtem Pfeiler drei Kreuze angebracht. Die tragische Geschichte berührt und obwohl wir zu dritt vielleicht so viele Lampen mit uns tragen wie noch kaum jemand zuvor in dieser Höhle, löschen wir diese für einen Moment, um die absolute Dunkelheit zu erfahren. Kein einziger Lichtschein ist auszumachen, woher sollte dieser auch kommen? Es ist leicht nachvollziehbar, dass man in diesem beklemmenden Schwarz der Dunkelheit die Orientierung verliert.

Wir sind froh unsere Lichter einfach wieder einschalten zu können und steigen hinter dem Pfeiler auf einem ausgetretenen Weg steil empor. Nach zuvor großen Hallen, nähern sich Boden und Decke der Höhle nun immer rascher und in wenigen Metern Entfernung scheinen sie einander zu berühren. Hier kann es doch nicht weitergehen! Wir kehren zur Kreuzhalle zurück und probieren einen anderen Gang, dieser endet jedoch im Verbruch und wir müssen abermals umkehren. Wir probieren wieder einen anderen Gang und noch einen. Bislang machen wir uns keine großen Sorgen. Den Weg zurück finden wir leicht, aber dennoch ist es ein mulmiges Gefühl, den zweiten Ausgang nicht zu finden. Wir kehren auf unseren zuerst beschrittenen Weg zurück und stellen fest, dass dort wo Boden und Decke der Höhle zusammenzuwachsen schienen, der Weg tatsächlich steil nach oben weiter führt. Motiviert steigen wir bergan und ich bin zugegebenermaßen erleichtert, als ich nach wenigen Minuten das dumpfe Licht des Osteinganges erspähe.

Immer steiler fällt der Weg ab in das schwarze Innere des Berges…

Nach einer kurzen Rast machen wir uns daran, unser Equipment vorzubereiten. Andi macht seine Kamera flott, Martin wählt ein passendes Objektiv für seine Spiegelreflexkamera und stellt Blitze auf und ich bin froh, endlich das machen zu dürfen, was ich am besten kann: Radfahren. Das immer wieder von der Decke der Höhle tropfende Schmelzwasser und die generell hohe Luftfeuchtigkeit im Inneren der Höhle machen nicht nur dem Equipment von Andi und Martin zu schaffen, sondern lassen auch meine Bremsen bei jedem Manöver laut quietschen. Ein Geräusch, das uns durch die gesamte Höhle begleiten sollte.

Meter für Meter arbeiten wir uns vorwärts. Eine Befahrung mit dem Bike ist möglich, aber durchaus anspruchsvoll. Ein dünner, feuchter und vor allem schmieriger Film überzieht das Gestein der Höhle und fordert meine volle Konzentration. Die ersten, eher flachen Meter sind durchaus willkommen, um ein Gefühl für die mäßige Traktion des Reifens zu bekommen. Die Schonfrist währt aber nicht lange, immer steiler fällt der Weg ab in das schwarze Innere des Berges. Ich habe alle Hände voll zu tun, mein Bike auf der Spur zu halten und eine ungewollte Beschleunigung zu verhindern. Schon erreichen wir die tückische Stelle, an der wir zuvor kein Weiterkommen vermuteten. Die Luftfeuchtigkeit nimmt nach meinem Gefühl nochmals zu, es scheint beinahe zu regnen und die angestrengte Atemluft erzeugt Nebel vor der hellen Bike-Lampe. Es folgt eine knackige Passage durch die ich mein Bike mit etwas Glück dirigieren kann. Doch schon unmittelbar danach folgen eine hohe Stufe und ein weiterer Absatz. Durch den schmierigen Untergrund gelingt es mir nicht, so langsam wie geplant den Absatz zu nehmen, mein Vorderrad bleibt an einem Felsblock hängen und verweigert jede weitere Rotation. Mir bleibt nur mehr der Bocksprung über den Lenker. Nach der Schrecksekunde kurz durchgeschnauft und abgeklopft – alles bestens! Aber das Bewusstsein für die erforderliche hohe Konzentration ist schnell wieder geschaffen, auch wenn es mittlerweile kurz vor Mitternacht ist. Ich wähle eine alternative Linie und kann auch diese Passage erfolgreich meistern.

Wir arbeiten uns durch die großen und kleinen Hallen vorwärts und langsam entsteht trotz der schwierigen Bedingungen so etwas wie Fahrfluss. In der Kreuzhalle rasten wir nochmals, den Großteil des Weges haben wir bereits hinter uns gebracht. Zudem haben wir am Rückweg keinerlei Probleme mit der Orientierung, alles scheint vertraut und wir können uns auf das Filmen, Fotografieren und Fahren konzentrieren. Vor uns wartet nun wieder die Engstelle, aber warum sollte nicht funktionieren, was schon einmal geklappt hat? Vorderrad heraus und schon habe ich mich durch die engen Meter gezwängt.

Der Westeingang, für uns eigentlich Westausgang, ist bereits zum Greifen nahe. Wir verlängern unsere Route aber und machen einen Abstecher in die Eishallen. Im Frühjahr soll man dort herrliche Eisformationen finden und wir haben tatsächlich Glück. Eindrucksvolle Zapfen hängen von der Decke und gefrorene Wasserfälle scheinen aus den Wänden zu quellen und dem Boden zu entwachsen. Andi und Martin versuchen die unwirkliche Kulisse so gut als möglich einzufangen, wohl wissend, dass dieses Erlebnis wohl nur in unseren Köpfen derart spektakulär in Erinnerung bleiben wird.

Es ist wohl beinahe zwei Stunden nach Mitternacht, als wir die Höhle erschöpft verlassen. Es folgt noch eine Abfahrt im Dauerregen und erst gegen fünf Uhr früh und im ersten Licht der Morgendämmerung komme ich endlich nach Hause. Zeitgleich übrigens mit einem offensichtlichen Partygast. Viele Lichter in einem sonst finsteren Raum haben wir in dieser Nacht womöglich beide gesehen; wer von uns wohl mehr erlebt hat?

Fotos: Martin Fülöp

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