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Einsamer Kaiser

Der Bergsommer ist kurz. Kein Wunder also, dass sich in den Sommermonaten zahlreiche Bergsportlerinnen und -sportler der unterschiedlichsten Ausprägung rund um die bekannten Gipfel der Ostalpen drängen. Und dennoch lässt sich die Bergwelt auch auf einsamen Pfaden, zu Fuß oder mit dem Mountainbike erkunden…

Der Wilde Kaiser in Tirol gehört wohl zu den markantesten und für mich definitiv auch zu den schönsten Gebirgsstöcken der Alpen. Er bietet Kletterern unzählige Herausforderungen und liefert seichten Fernsehserien mit Hang zur Heimatfolklore eine herrlich kitschige Kulisse. An heißen Sommertagen wuselt es in den Tälern rund um den mächtigen Kaiser; Busse entladen ihre fotografierwütige Kundschaft auf die Wanderparkplätze und auf den Wegen zu nahegelegenen Berghütten herrscht reger Betrieb. Wie soll bei so viel Tourismus ein Mountainbike-Abenteuer möglich sein?

Naturerlebnis abseits ausgetretener Pfade – die Fritz-Pflaum-Hütte am Wilden Kaiser

Bergtour zur höchstgelegenen Hütte im Wilden Kaiser

Es ist möglich und man muss gar nicht in die Ferne schweifen. Ein verstecktes Ziel in Mitten des Kaisergebirges suchen meine Frau und ich seit Jahren gerne auf, wenn Hochsaison im Kaiserwinkl herrscht. Unser Geheimnis für eine einsame Bergtour im populären Kaisergebiet ist denkbar einfach, wir meiden die zahlreichen Berggasthöfe und bewirtschafteten Almhütten und setzen uns stattdessen eine Selbstversorgerhütte zum Ziel. Die Fritz-Pflaum-Hütte befindet sich im Griesner Kar, malerisch eingebettet zwischen Mitterkaiser, Ackerlspitze und Goinger Halt. Was die Fritz-Pflaum-Hütte neben der Einsamkeit ihren Nachbarhütten zusätzlich voraus hat, ist der Titel der höchstgelegenen Hütte im Wilden Kaiser (1.865m).

Vom Trubel im Tal in die Einsamkeit der Natur

Knapp 900 Höhenmeter tiefer starten wir unsere Tour noch mit Dutzenden anderen Bergbegeisterten. Wir teilen uns die ersten 150 Höhenmeter des Aufstieges auf einem großteils breiten, ausgetretenen Forstweg, der es mir erlaubt, mein Fahrrad gemütlich zu schieben. An einer Weggabelung heißt es für uns dann Abschied nehmen, von den zahlreichen Wanderern und gleichzeitig ändert sich die Charakteristik des Weges schlagartig. Vor uns liegt ein schmaler Pfad, der sich über Wurzeln und Steine durch die letzten Höhenmeter des lichter werdenden Waldes schlängelt. Wenige Meter nach der Gabelung finden wir einen Holzstoß am Wegesrand, mit der Bitte, Brennholz für die Hütte mitzunehmen. An diesem Sommertag ist es brütend heiß, selbst am Berg hat es über 30°C, aber der nächste Winter kommt bestimmt und wer weiß, wer sich einmal über Brennholz freuen wird, also nehmen wir ein paar Holzscheite mit.

Schweißtreibender Aufstieg wird belohnt

Als wir den Wald endgültig hinter uns lassen, begleiten uns Latschen eine Zeit lang hinauf in das immer schroffer werdende Gelände. Die hochsommerlichen Temperaturen machen sich zunehmend bemerkbar und die zusätzliche Last, in Form meines Fahrrades auf meinen Schultern, öffnet auch die letzten Poren. Das Tal, durch das wir unserem Ziel entgegenstiegen, heißt wohl nicht umsonst Tor, denn nach unzähligen steilen Serpentinen öffnet es sich endlich und wir sehen rund 200 Meter über uns die Flanken des Griesner Kars. Zwar ist es immer noch unerträglich heiß, aber mit dem Ziel vor Augen haben wir die letzten Meter bald geschafft und erreichen die Fritz-Pflaum-Hütte. Begann unsere Tour noch in Mitten von zahlreichen Autobussen und PKWs, teilen wir uns die Hüttenrast lediglich mit zwei Wanderern.

Der Wettersteinkalk des Kaiser-Gebirges erlaubt Spielereien am Bike

Traumhaftes Panorama im Griesner Kar

Immer wenn ich hier heraufkomme, reizen mich die schroffen Spitzen des Kaisergebirges, die das Griesner Kar flankieren. Auch heute suche ich nach einem Steig oder wenigstens Wegspuren, die uns den Aufstieg auf und die Abfahrt vom Mitterkaiser ermöglichen. Allerdings vergeblich, weiter rauf geht es nicht – zumindest nicht mit dem Fahrrad auf den Schultern. Egal, 900 Höhenmeter mit dem Fahrrad auf den Schultern waren schon genug Schinderei und ich freue mich, endlich die Rollen zu tauschen und mich von meinem Bike tragen zu lassen. Kurz vor der Abfahrt versuche ich den großartigen Ausblick und die so schroffe und gleichzeitig wunderschöne Landschaft aufzusaugen, um später genug Material fürs Kopfkino an zähen Arbeitstagen zu haben.

Abwechslungsreiche Abfahrt zum Genießen

Es gibt sicherlich angenehmere Varianten, sich eine MTB-Abfahrt zu erarbeiten, als das Bike stundenlang den Abfahrtsweg hinauf zu tragen. Der große Vorteil dieser Plackerei aber ist, dass ich schon genau weiß, was mich erwartet und wo vielleicht schwierige Schlüsselpassagen lauern. Die Freude über die bevorstehenden Tiefenmeter ist groß und alle Anstrengung bald vergessen. Passagen mit viel losem Gestein, das die Kontrolle des Bikes erschwert, wechseln mit Abschnitten auf kompaktem Felsuntergrund. Der schier endlose Halt, den der Wettersteinkalk den Reifen meines Fahrrades bietet, lädt zu Spielereien und Manövern auf dem Vorderrad ein. Während sich auf anderen Wegen die Wanderer drängen, leisten uns lediglich Gämsen Gesellschaft. Von ihrer Schnelligkeit und Geschicklichkeit, selbst in anspruchsvollstem Gelände, kann jeder Radfahrer nur träumen.

Ein erlebnisreicher Tag geht zu Ende

Viel zu schnell wandle ich die hart erkämpften Höhenmeter in Abfahrtsspaß um. Gerade hatte ich noch den im Sonnenlicht gleißend weißen Kalkstein unter den Stollen, erfordern nun schon Wurzelteppiche im schattigen Wald meine letzte Konzentration. Wenig später hat uns die Zivilisation wieder, wir besuchen doch noch einen der stark frequentierten Berggasthöfe an unserem Ausgangspunkt und teilen uns einen Drink mit zahlreichen Bergsportlern. So sehr wir unsere einsame Bergtour genossen haben, so hatten auch sie einen offensichtlich feinen Tag in der Natur.

Fotos: Alexandra Pistrol

Text und Athlet: Johannes Pistrol

 

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