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Die Heimat neu entdecken

Je exotischer das Reiseziel desto besser? Abenteuer kann man nur an fernen Orten erleben? Daheim gibt’s doch überhaupt nichts zu entdecken!? – 22 Monate später und einmal um die Welt gereist müssen wir feststellen, wie falsch wir doch damit lagen.

„Sehr geehrte Fluggäste, wir beginnen nun den Landeanflug auf Memmingen. Wir bitten Sie, Ihren Sitz in eine aufrechte Position zu bringen, sowie Ihre Vordertische hochzuklappen..“. Unsere Nervosität stieg mit diesem Satz ins Unermessliche und unsere Herzen klopften noch ein wenig schneller (wenn das überhaupt noch ging). Nach fast zwei Jahren um die Welt, war der Tag gekommen, an dem es hieß – Heimat – hier sind wir wieder.

Fast zwei Jahre, genauer gesagt 22 Monate und 13 Tage, waren wir um die Welt gereist und haben so viele Abenteuer erlebt, wie in den 25 Jahren davor wahrscheinlich zusammen nicht. In Kirgistan lebten wir eine Zeit lang zusammen mit Nomaden, in Nepal haben wir das Everest Base Camp erklommen, eine Nacht haben wir mitten im indischen Ozean auf einer einsamen Insel, die gerade mal 50m lang und vielleicht 20m breit ist, verbracht, sind durch die Hochtäler von Papua zu den dortigen Volksstämmen getrekkt und mussten tierisch aufpassen, nicht als Feinde wahrgenommen zu werden, denn hier liegt man noch mit Pfeil und Bogen auf der Lauer. Überall haben wir versucht uns so intensiv wie möglich auf die dortige Kultur einzulassen und zu erfahren, wie das Leben so auf der anderen Welthalbkugel aussieht. Wir haben viel gelernt, sind über uns hinausgewachsen, haben Grenzen überwunden und unsere Komfortzonen mehr als einmal verlassen.

Als wir nun aus dem Flugzeug stiegen, hatten wir gemischte Gefühle. Zum einen diese immense Vorfreude gleich unsere Familie und Freunde zu überraschen, denn keiner wusste Bescheid. Zum anderen aber auch dieses drückende Gefühl „Ist dieses große Abenteuer wirklich schon zu Ende? War’s das jetzt? Und was kommt danach?“

Nachdem wir aber Ines‘ Vater pünktlich zum 60sten Geburtstag und anschließend Familie und Freunde überrascht hatten, überraschten wir uns schließlich selbst. Hatten wir schon 67 Länder gesehen, viele davon sehr intensiv, so hatten wir eines immer verpasst: die eigene Heimat.

Bounty und Ines erkunden das Allgäu

Man muss gar nicht immer in den Flieger steigen und tausende Kilometer hinter sich lassen, um Abenteuer zu erleben

Früher wollten wir immer weit weg, an die extremsten Orte… die Berge vor der Haustüre? Die schienen für uns unsichtbar. Auf dem Weg zur Arbeit hatte man sie zwar täglich vor der Nase, aber nie hatten wir die Lust dazu verspürt, diese gar zu erkunden. Wir wollten doch was erleben! Glasklares, türkisenes Wasser gab es für uns nur auf den Malediven – niemals etwa ein paar Kilometer weiter.

Doch jetzt war es anders. Nicht die Gegend hatte sich verändert, sondern wir uns. Plötzlich waren die unsichtbaren Berge gar nicht mehr so unsichtbar. Sondern spannend und mysteriös. „Lass uns dort hinauf!“ Unser nächstes Abenteuerziel war also kein exotisches Reiseziel, mehrere tausend Flugmeilen entfernt, sondern unsere Nachbarschaft.

Sam genießt die grandiose Aussicht auf den Maloja-Pass in der Schweiz

Hello again – Wir entdecken die schöne neue Heimat

Schon bei der Planung mussten wir grinsen, keine VISA-Beantragung, keine neue Währung, in die man umrechnen musste, keine neue Sprache, die Orte hatten wir alle schon mal gehört und doch waren sie auf die ein oder andere Art und Weise fremd. Wie vor ein paar Tagen, als wir in Südostasien die Wecker auf vier Uhr morgens stellten, um zu den Sonnenaufgängen hin auf Berge zu klettern, rüttelte er uns auch hier in Deutschland um die gleiche Zeit aus dem Schlaf. Aus dem warmen, kuscheligen Bett schälen, Thermoskannen mit Kaffee befüllen, Brote schmieren, Wanderstöcke raus und los ging es.

Bergauf, bergab entdeckten wir die Allgäuer Alpen. Anfangs hing noch dicker Nebel in den Baumwipfeln und unser Atem kondensierte umgehend in der kalten Morgenluft. Es brauchte einige Schritte, bis unsere müden Muskeln aufwachten und wir wieder in unserem normalen Laufmodus ankamen. Die letzten Monate hatten unsere Körper sich eben an komplett andere Temperaturen gewöhnt, doch auch hier kamen wir schnell ins Schwitzen. Der steile Anstieg war nicht zu unterschätzen und wir mussten uns spurten, dass wir es zum Sonnenaufgang noch pünktlich nach oben schafften. Anstatt Straßenhunden begleiteten uns Bergziegen auf dem Weg nach oben und die Kühe mit den schönen Glocken um den Hals schienen uns anzufeuern. Vom Weg sahen wir leider noch nicht allzu viel, nur durch den Schein unserer Stirnlampen konnten wir immer wieder einen kleinen Blick erhaschen. Ansonsten folgten wir eher wortlos dem Weg und konzentrierten uns darauf, die Füße auf dem Geröll richtig zu setzen. Alles was zu hören war, war unser Ausatmen.

War es wenige Minuten vorher noch stockdunkel, so wurde es schneller und schneller immer heller. Die Sonne schien es auf einmal eilig mit dem Aufgehen zu haben und so hatten auch wir es eilig. Ständig kam der Gedanke auf, ob wir es noch rechtzeitig bis nach oben schafften oder ob wir den Weg etwa unterschätzt hatten. Nach und nach konnten wir immer mehr von der Landschaft sehen, von den umliegenden Bergen und der gigantischen Aussicht auf das Tal. Und dann hatten wir es geschafft – mit letzter Mühe und hochroten Gesichtern zogen wir uns zum Gipfelkreuz hoch und mussten lächeln. Mit dem Wandern ist es doch überall gleich, ganz egal wo man auf der Welt ist. Es macht einfach nur glücklich. Rückblickend gesehen dachten wir vor allem der Tag, an dem wir auf die Weltreise aufbrechen, wird ein Wendepunkt in unserem Leben sein, jedoch mit ein bisschen Abstand gesehen, ist es eher der Tag, an dem wir zurückgekommen sind.

Hinab geht’s mit dem Rodel

Text und Bilder: Ines Benson und Samuel González, _gobackpacking

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