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Die GTA – ein Weitwanderweg mit Vorbildcharakter

Almgebimmel, bunte Magerwiesen. Felsentürme, die wie Klippen wirken und dem Val Mastallone seinen eigentümlichen Charakter geben. Wir sind unterwegs im Parco Naturale Alto Valsesia, genauer gesagt in der piemontesischen Provinz Vercelli auf der Südseite des Monte Rosa Massivs, und folgen einem uralten Maultierpfad. Endlich zurück nach dreijähriger Abstinenz. Es fühlt sich fast an wie ein heim kommen. Uns wird bewusst, wie stark wir die GTA – die Grande Traversata delle Alpi – vermisst hatten, die Gastfreundschaft, das gute Essen, die großartige Natur.

Sergio von der Alpe Baranca beim Melken

Aus der langjährigen GTA-Recherche sind Beziehungen entstanden, Freunde geworden, manches Wiedersehen ist von Freudestränen begleitet. So wie bei Alda, die mit feuchten Augen über das ganze Gesicht strahlt und sofort zu ihrem Sergio eilt, um ihm unser überraschendes Auftauchen mitzuteilen. Die Beiden bewirtschaften die Alpe Baranca, wo sie Wanderern auch Herberge und Essen anbieten. Hier wirkt die Welt noch in Ordnung. Alda und Sergio strahlen eine große Zufriedenheit aus, obwohl sie so hart arbeiten. Immer noch wird von Hand gemolken. Jeden Abend und Morgen schlendert 75-jährige Sergio mit seinem Eimer über die Wiese zu seinen Kühen. Seine Frau Alda kümmert sich derweil um die Ziegen. Abends kommen die köstlichen Alpprodukte auf den Tisch. Frischer geht’s nicht. Der Wandertourismus bietet ihnen eine zusätzliche Verdienstquelle und hilft, dass die Alp erhalten bleibt. Genau dieser Gedanke stellt den Hintergrund der GTA, der Grande Traversata delle Alpi, die durch das größte Endsiedlungsgebiet der Alpen führt. An die 1000 Kilometer windet sich die Wanderroute durch den italienischen Westalpenbogen vom nördlichsten Punkt des Piemonts am Griespass bis zum Mittelmeer bei Ventimiglia. Ein Pendant zum GR 5 auf der französischen Seite des Westalpenbogens. Beide wurden in die Wege geleitet, um der Landflucht entgegen zu wirken. Nicht wenige Täler, die von der GTA berührt werden, erlitten einen Bevölkerungsrückgang von 80 bis 90 Prozent.

Die Alpen ein Schreckgespenst? Kein Alpentraum, sondern ein Albtraum? Die Entwicklung stimmt bedenklich. Alles kräht nach Gewinn, nach Profitsteigerung. Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen. Wir investieren, weil es so leicht geht mit dem Plastikgeld, das nur aus Zahlen besteht und in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Mein Haus, mein Auto,… wir sind zu Sklaven von Wirtschaft und Werbung geworden. Und die letzten zwei Jahre haben das noch deutlicher gezeigt.

Umso hässlicher wir unsere Umgebung empfinden, um so mehr suchen wir nach der „unverdorbenen“ Welt. Alpenklischees von erhabener Landschaft, von glücklichen Kühen, vom zufriedenen Almöhi, stoßen auf fruchtbaren Boden. Die Realität wird einfach ausgeblendet. Die Zufahrts-Chauseen, die Funkmasten, die Chaletsiedlung, die nur an wenigen Tagen im Jahr ihre Fensterläden offen hat, die Seilbahnen, an denen Massen zum Wochenende anstehen. Während das Städtische immer weiter in die Alpen wuchert, fruchtbares Acker- und Wiesenland in den Talböden immer mehr zugepflastert wird mit uniformen Einkaufshallen, suchen wir Ausgleich in den Bergen und treffen doch nur auf Fun-Parks und auf Alpendörfer, die entweder zu reinen Schlafstätten mutiert sind oder nur noch während der Saison blühen. Es gibt viel zu wenig Projekte, die das Leben vor Ort halten. Die GTA gehört dazu. Für uns ist sie ein ganz besonderer Weg, ein Vorbild für nachhaltigen Tourismus, weil eben keine neue Infrastruktur gebaut wurde, sondern das vorhandene Historische weiter genutzt wird und damit erhalten bleibt.

Carcoforo, Val d’Egua

Deshalb bleibt die GTA ein Abenteuer, schenkt sie doch Einblick in eine der ursprünglichsten Regionen der Alpen. Anstatt auf Seilbahnen oder sonstige Errungenschaften der Freizeitgesellschaft zu stoßen, folgen wir den alten Arbeitswegen, oft kunstvoll steingepflasterten Saumpfaden, sogenannten „mulattiere“, über die früher die Packtiere getrieben wurden. Es geht von einem hohen Pass zum nächsten hohen Pass. Je nach dem wie stark sich das Relief faltet, kommen täglich um die 1000 Höhenmeter zusammen.

Bewusst enden die Etappen überwiegend in den Taldörfern, wo die Einnahmen der wiederbelebten Unterkünfte, Restaurants, Tante-Emma-Läden, Käsereien den Einheimischen direkt zugute kommen und nicht irgendwelchen Investoren. Wer unter „Hüttenkoller“ leidet, braucht sich auch keine Sorgen machen. Ein großer Teil der Unterkünfte sind kleine Familienhotels, mitunter Bauerngasthöfe, sogenannte Agriturismo, und Klöster, die neben „Schnarchlager“ über Doppelzimmer verfügen.

Das schöne: der Weg ist für jeden machbar. Je nach Zeit kann man sich ein, zwei oder drei Wochen herauspicken. Hauptsache es geht, dass man geht. Wer sich bewegt, bewegt auch etwas. Das trifft vor allem für die GTA zu. Ein Weg, der die Zukunft der piemontesischen Alpenregion positiver gestalten könnte. Wer die Region schon länger kennt, kann quasi zuschauen, wie sie langsam zerfällt. Dörfer, die vor Jahren noch ein lebendiges Gemeinschaftsleben aufwiesen, mit Schule, Handwerksbetrieben und Bauern, die das Land bewirtschafteten, zählen heute vielfach nur noch ein paar einsame Seelen, meist Alte. Die Jungen sind längst abgehauen, in die Städte, wo ihnen ein „besseres“, eher bequemeres Leben versprochen wird. Dabei geht nicht nur eine traditionelle, facettenreiche Gebirgskultur verloren, sondern auch das Land selbst. Es verbuscht, verliert an Artenvielfalt, ist der Erosion, Lawinen, Unwettern stärker ausgeliefert, bleibt die Landschaftspflege aus – während die Städte immer mehr in die Täler hineinwachsen und sich Uniformität breit macht. Niemandem kann diese Entwicklung gefallen. Und deshalb wandern wir nicht so gerne irgendwo im Ötztal, in den Dolomiten oder bei Zermatt, sondern eben am liebsten auf Routen wie die GTA. Weil sie den entvölkerten Alpentälern Hoffnung und Impulse gibt, einen Weg, mit sanftem Tourismus und Vernetzung von lokalen Produkten und Betrieben die Region wieder aufzuwerten, ihren Untergang zu stoppen. Durch Eigeninitiative in ein paar wenigen Tälern, wie im Maira-Tal, ist das auch schon gelungen, kehren Auswanderer wieder in ihr Heimattal zurück, bauen alte Häuser zu Pensionen, Restaurants, Spezialitätenläden um, kultivieren Kräuter, züchten Schafe…

Als Dieter und ich 2010 die GTA das erste Mal an einem Stück durchwanderten, stellten wir fest, das die Bekanntheit des Weges etwas eingeschlummert war. Der Erhalt von mancher Unterkunft stand auf der Kippe. Da es an den Etappenzielen mitunter nur eine gibt, wäre eine Lücke frappierend für die ganze GTA. Wir entschlossen uns, nicht nur mit Reportagen, sondern auch mit einem Vortrag an die Öffentlichkeit zu gehen, um den Wanderfluss wieder in Schwung zu bekommen. Was zur Freude der Unterkunftsbetreiber gut gelang. Doch keine Sorge, der Weg ist nach wie vor nicht überlaufen, da allein schon die Voraussetzung einer guten Grundkondition filtert.

Alpe Selle, Val Mastellone

Aufgrund zahlreicher Veränderungen, darunter auch neue Unterkünfte, war es längst an der Zeit, wieder einmal vor Ort zu recherchieren. Deshalb wollten wir diesmal nicht auf der Alpe Baranca, sondern im neuen Rifugio Alpe Selle nächtigen, das eine weitere Wegstunde entfernt auf einem Felssporn hoch über dem Tal thront. Die Lage beeindruckt, der Blick kann sogar bis zur Poebene schweifen. Wir freuten uns die Hüttenwirtin Sabrina kennenzulernen, Ehefrau des Bruders von Bäuerin Alda. Weil die GTA gut lief, bauten sie 2017 ihre private Berghütte zum Rifugio um. Weil Sabrina durch die Corona-Maßnahmen ihren Job verlor, übernahm sie schließlich die Hüttenführung. Im Vordergrund steht bei ihr das Geldverdienen. Das spürt man leider. Und man schmeckt es auch bei der täglich aufgetischten Polenta. Welch ein Kontrast zur Passion von Alda und Sergio. Vielleicht aber haben wir Sabrina einfach nur an ein paar schlechten Tagen erwischt, oder uns hat die Dauerbeleuchtung des Notausgangs im feuchtkalten Schlafsaal genervt. Gottlob die Ausnahme. In den meisten Unterkünften darf die Nacht noch Nacht sein und es wird mit viel Leidenschaft gekocht und gewirtet. So wie bei Danila im Nachbartal.

Das Monte Rosa Massiv vom Colle d’Egua, Naturpark Val Sesia

Dazwischen liegt der Colle d’Egua, 2239 Meter hoch und mit dem vielleicht schönsten Blick zum Monte Rosa gesegnet. Ein neues Biwak wurde hier gebaut. Wir sind begeistert und mit uns auch andere Wanderer. Spontan entsteht eine kleine Kaffee- und Teeparty. GTA-Erfahrungen werden ausgetauscht. Man vernetzt sich, lacht viel. Als sei ein dicker Klumpen von Sorgen abgefallen, fühlt man sich, so verborgen in den Falten der Alpen, herrlich frei und lebendig. Dann tut sich auch der Nebel auf wie ein Vorhang und alle staunen: Von links nach rechts zeigen sich alle neun Gipfel des Monte Rosa Stocks: Punta Giordani, Vincentpyramide, Schwarzhorn, Ludwighöhe, Parrotspitze, Signalkuppe, Zumsteinspitze, Dufourspitze, Nordend. Noch bis 1822 hießen alle Gipfel schlicht Monte Rosa (Rosa bedeutet im lokalen Dialekt Gletscher und nicht etwa die traumhafte rosa Verfärbung bei Sonnenaufgang). Erst den österreichischen General und Topograph Ludwig Freiherr von Welden ärgerte die unzureichende Gebirgsbenennung, woraufhin er die Namen kreierte, die, abgesehen von der Höchsten Spitze, die später in Dufourspitze umgetauft wurde, bis heute geblieben sind. Von Welden’s 1924 veröffentlichtes Buch „Der Monte-Rosa“ wurde zum Klassiker. Er selbst stand am 25.August 1822 auf dem vom Colle d’Egua so unscheinbar wirkenden kleinen Felssporn zwischen Schwarzhorn und Parrotspitze und benannte diesen mit seinem Vornamen.

Ein Murmeltier pfeift uns zurück in die Gegenwart. Aber nur noch ein drolliger Fellhintern ist zu sehen, der sich flugs in seinen Bau quetscht. Auch von Welden notierte die Häufigkeit der Murmeltiere, „obschon sehr häufig Jagd auf selbes gemacht wird, da es ein großer Leckerbissen, vorzüglich geräuchert, für die Einwohner ist. Man bezeichnet nämlich ihre Höhlen im Herbste mit Stangen, und gräbt sie, wenn sie schlafen, aus; wo man sie dann oft dutzendweise beisammen findet.“ Diese Zeiten scheinen vorbei. Bisher ist uns noch kein Murmeltierbraten vorgesetzt worden.

Carcoforo, Naturpark Valsesia

Im Grund des tiefen Einschnittes, in den wir absteigen, liegt Carcoforo, ein archaisches Dörfchen voller Charme. So stilvoll wie schon Rimella, Campello Monti und all die Etappenziele zuvor, und doch ganz anders. Wir kennen keinen Weg, der die kulturelle Vielfalt so deutlich zeigt und nahe bringt wie die GTA.

Hier, in den Falten des Parco Naturale Alto Valsesia bewegen wir uns durch Walserland und die GTA ist identisch mit dem Großen Walserweg. Walserkultur auf Schritt und Tritt. So fällt auf dem Friedhof von Rimella der Name Termignoni auf. „Die vo Termignon“ nannte man dereinst jene Emigranten, die im Sommer 1256 von Visperterminen (das damals Terminum hieß) im Wallis aufbrachen, um Rimella zu gründen. Auch das eine oder andere deutsche Wort hat im lokalen Dialekt überlebt und mancher Betagte verabschiedet sich noch mit „schlafet wohl“ nach dem abendlichen Absacker. Spannend jeder Wandertag. Weiter im Süden entführt die GTA in den okzitanischen Sprach- und Kulturraum, man lernt alte Schmugglerwege kennen, durchstreift königliche Jagdgebiete, übernachtet in Klöstern…

Rifugio Brusà

Aber zurück zu Carcoforo. Danila will uns abholen. Mitunter sind Unterkünfte rar, in Carcoforo gibt es als „Posto tappa“ nur die „Alpenrose“. So bietet Danila Wanderern einen Transfer in ihre drei Kilometer entfernte Herberge. Vor wenigen Jahren kehrte die Ex-Managerin der Stadt den Rücken zu, kaufte eine verfallene Mühle aus dem späten Mittelalter und renovierte. Erst 2020 eröffnete sie drei geschmackvolle Appartements, in die man sich am liebsten länger einquartieren wollte, als nur für eine Nacht. In dem winzigen Weiler fühlen wir uns in den Himalaya versetzt. Der Duft von Heu, Dung und Feuerrauch streicht durch die engen Gassen. Ziegen meckern. Stolz ist Danila auf ihre Kaschmirziegen, aus deren Wolle sie hübsches herstellt. Auch sonst macht sie alles selbst, von der Marmelade bis zum Brot, das sie in einem gewaltigen Steinofen bäckt. Dieser zeigt innen solch enorme Ausmaße, das man sich hinein legen könnte. Es ist der größte der Region, so Danila. Köstlich ihre kreativen Kochkünste. Jeder Teller mit viel Liebe angerichtet. Zu dem lokalen Frischkäse munden feine Dips in Salsa Verde, Zwiebel-Chutney, Senfsoße. Salate und Gemüse aus dem eigenen Garten und auch die Polenta mit Walnüssen und Gorgonzola in Bioqualität. Ebenso der Wein. Ihn bezieht sie ausschließlich aus der Region. Danila lebt Slow Food – eine Bewegung, die nicht zufällig im Piemont gegründet wurde und sich gegen das industriell verarbeitete Convenience-Food stellt. Im Piemont und damit auch auf der GTA genießt die Küche noch einen hohen Stellenwert. Nichts schöneres, als sich nach einem anspruchsvollen Wandertag darauf zu freuen. Selbst in Hütten, wie dem Rifugio Brusà bei Rima, das nächste Etappenziel, kocht ein Gourmet. Bei dem etwas kauzigen Hüttenwirt Carlo würde man das auf den ersten Blick gar nicht vermuten. Der Bergbegeisterte und leidenschaftliche Skitourengänger hat ein bewegtes Leben hinter sich, war lange Hüttenwirt im Mont Blanc Gebiet, dann Versicherungsmakler im Süden Italiens, später unterrichtete er Brotbacken im Gefängnis. Jetzt nutzt er jede freie Minute für sein Hobby, dem Fliegenfischen. Nirgends könne er sich besser entspannen.

Ein paar Etappen weiter, im angrenzenden Biellese, wie sich das Hinterland von Biella nennt, recherchieren wir weitere Neuheiten. Unwetter hatten letztes Jahr für Murenabgänge gesorgt, so dass die Strada Panoramica Zegna geschlossen werden musste – eine der schönsten Panoramastraßen des Piemonts. Zu schön, wenn man sie für immer von Autos befreien könnte. Der Verkehr war der Grund gewesen, warum wir für diesen GTA-Abschnitt eine Variante gesucht und gefunden hatten: den Tracciolino, einen stillen und sehr aussichtsreichen Höhenweg zwischen den Klöstern von San Giovanni und Oropa. Jetzt, mit der verwaisten Straße, gab es wieder einen Grund der ursprünglichen GTA-Route zu folgen, auf der sich historische Besonderheiten befinden, wie die Galleria di Rosazza mit der gleichnamigen Locanda, gleich neben dem Tunneldurchstich.

Eine Herberge, die an ein Spukschloss erinnert. Und da lägen wir auch gar nicht so verkehrt, meint Simona, die junge Wirtin. Der Geist von Rosazza husche durch die Räumlichkeiten. Mitunter öffne sich wie von Geisterhand eine Tür oder höre man Schritte im leeren Haus. Auch die nahe Ortschaft Rosazza im Cervo-Tal trägt den Namen dieses großen Baumeisters. Der gebürtige Rechtsanwalt und Senator Federico Rosazza (1813 – 1899), hatte sein Geld in den Bau einiger öffentlicher Gebäude investiert. Von seinen unzähligen Reisen durch viele Stilrichtungen inspiriert, verleihen sie dem Dorf ein ungewöhnliches Bild. Die Kirche zeigt sich im lombardischen Stil, anderes erinnert an Schottland, wie die Schlosstürme des Castello di Rosazza oder eben die Locanda della Galleria Rosazza. Arkaden, verschnörkelte Säulen, Türmchen. Eine steile Wendeltreppe führt hinauf. Da und dort gehen Gänge ab. Verwinkelt und verwirrend die Wegführung. Hätte man’s eilig oder wäre in Gedanken, könnte man leicht über eine dicke Holztruhe stolpern. Sie sieht aus wie eine Schatztruhe – Spooky – auch des nachts, wenn man draußen steht und sich eine funkelnde Milchstraße über das filmreife Spukhaus spannt. Der Bau von Straße, Gallerie und Locanda Ende des 19. Jahrhunderts habe sieben Jahre gedauert, erzählt Simona. Federico Rosazza verlor dabei keinen Arbeiter. Er bot bessere Arbeitsbedingungen als anderswo und bezahlte auch den Frauen mehr Lohn. Dafür hatte das Schicksal in seiner Familie zugeschlagen. Viel zu früh musste er seine Frau und seine 16-jährige Tochter, seine einzige, zu Grabe tragen. Ob sich deshalb sein Geist nicht von hier lösen kann? Hie und da im Gemäuer fände man esoterische Symbole, verrät Simona. So wie in vielen Denkmälern und Gebäuden des Dorfes Rosazza. Der Verlust seiner Liebsten soll den Senator dazu veranlasst haben, sich der Welt des Okkulten und den Freimaurern zuzuwenden, seinen Geburtsort neu zu gestalten und diesem seinen Namen zu verleihen. Gemeinsam mit seinem engsten Freund, dem Maler und Architekt Giuseppe Maffei (1821 – 1901). Beide waren überzeugt, dass Entscheidungen immer von höheren Wesen geleitet sind, und man munkelt, mit solchen Geistern haben sie sich rege ausgetauscht, als es um den Umbau des Dorfes ging.

Locanda Galleria Rosazza, Biellese

Die ersten Sonnenstrahlen streichen über den Berg und lassen die Säulen der Locanda golden glühen. Wir fühlen uns wie Revoluzzer. Die Frühstückstische dürfen auf der Straße stehen und wir genießen auspufffrei die schöne Landschaft, den freien Blick über das Biellese in die Poebene. Hier, wo sich die Hänge aus der Ebene zu den Alpen aufschwingen, zieht die Strada Panoramica Zegna hoffentlich für immer gänzlich autofrei durch nach Oropa, eine der wichtigsten Heiligtümer Italiens. Seit 2003 UNESCO-Weltkulturerbe. Eine gigantische Anlage, fast wie eine kleine Stadt, mit Restaurants, Läden, Arzt, Apotheke, allem, was der Pilger eben so braucht. Die Kuppel der Basilika wölbt sich 80 Meter hoch in den Himmel, in ihr finden 3000 Gläubige Platz. Auf dem Gelände wimmelt und wuselt es wie in einem Bienenkorb. Der nach Stille suchende GTA-Wanderer freut sich dann meist über die Seilbahn (die einzige auf der gesamten GTA-Strecke) in die ruhigen Höhen.

Matterhorn, Blick vom Rifugio Coda, Biellese

Gleich nach der Bergstation filtert der alpine Pfad das Klientel zum Rifugio Coda, wo uns Christina und Pietro herzlich begrüßen. Urgesteine. Seit über 30 Jahren führt Christina mit ihrer Schwester die Hütte. Ehemann Pietro, nun pensioniert, darf mithelfen. Phantastisch die Lage auf einem Kamm direkt über der Poebene. Und im Rücken drapieren sich die höchsten Berge der Alpen: Monte Rosa, Matterhorn, Mont Blanc. Hinzu kommt der Gran Paradiso im Südwesten. Während andere im Stechschritt vorbei eilen, bleiben wir über Nacht. Nicht wenige vergessen, den Leistungsdruck zu Hause zu lassen. Die Zeitangaben aus unserem GTA-Wanderführer übertrumpfen zu wollen, macht keinen Sinn. Sie sollen lediglich eine grobe Vorstellung für die Planung geben. Sich Zeit nehmen, Zeit für Genuss und Gespräch fördert unser Wohlbefinden, sorgt für Ausgeglichenheit, ist Energie-Tankstelle. Dieter und ich hatten auch eine Weile gebraucht, um das zu kapieren und umzusetzen, waren wir zuvor doch zu oft durch die Berge gehetzt.

 

Christinas Zuccherini, Rifugio Coda, Naturreservat Monte Mars, Biellese

„Christina, wir haben Deine Zuccherini vermisst.“ Ein Sortiment an Einmachgläsern reiht sich über der Theke mit in Alkohol, Gewürzen und Kräutern eingelegten Zuckerstücken. Unvergesslich, als  die Hüttenwirtin bei unserem letzten Besuch Dieter einen Zuccherino mit Nelke empfahl. Nelke lässt die Zunge einschlafen und wir kugelten uns vor Lachen über Dieters holprige Sprachversuche. Klar müssen wir auch jetzt wieder probieren. Nicht unbedingt Nelke, aber Zimt oder Zitrone munden ohne direkte Folgen, vorausgesetzt man bleibt bei einer dieser hochprozentigen „Tabletten“. Noch genug Adrenalin fordert die Kammroute ins Nachbartal an der Pforte der Aostaregion. Sie führt Klettersteig ähnlich eingerichtet, durch exponiertes Gelände. Wandern am Himmel. Abenteuerlich, für Trittsichere und Schwindelfreie aber nicht schwierig. Auf der offiziellen GTA-Route könnte man den Kamm durch seine Ostseite, einen steilen Grashang, umgehen, wäre er nicht zugewachsen. Das Resultat der Landflucht. Erst tiefer unten sorgt Vieh für Landschaftspflege. Deshalb kaufen wir auch immer bei den Bauern vor Ort Käse für unser Picknick ein. In der Hoffnung zu unterstützen, dass unsere Kulturlandschaft erhalten bleibt.

Literatur

  • GTA Wanderführer, Iris Kürschner und Dieter Haas, Bergverlag Rother, 18,90 Euro.
  • Zum Einstimmen mit vielen Hintergrundgeschichten der Bildband: Grande Traversata delle Alpi, Iris Kürschner und Dieter Haas, Bergverlag Rother, 39,90 Euro.
  • Mehr über die Autoren Iris Kürschner und Dieter Haas erfährst du in unserem Interview.

Unterkünfte

  • Rifugio Alpe Baranca, Mitte Juni–Ende Sept., unglaublich gastfreundlich, köstliche Älplerkost, üppiges Frühstück, Sergio und Alda Falcione, Tel. +39 347/865 93 85, www.rifugioalpebaranca.com.
  • Rifugio Alpe Selle, Anfang Juni bis Ende Sept., HP 45 Euro, Sabrina Biscardini, Tel. +39 347/ 262 28 80, www.rifugioalpeselle.weebly.com.
  • Azienda Agricola Val d’Egua im Weiler Molino, Mühle aus dem späten Mittelalter. Feine Bioküche. Auf Wunsch holt die Patronin Danila Giustina GTA-Wanderer gerne von Carcoforo ab und bringt sie anderntags wieder zurück, HP 60 Euro,   Tel. +39 347 882 11 03.
  • Rifugio Brusà, Juni–Okt., Carlo Cugnolio, Tel. +39 346/634 76 87
  • Locanda della Galleria Rosazza, Mitte Juni bis Mitte Sept., Mitte April bis Okt. an Wochenenden, 20 B, historische Unterkunft mit sehr einfachen Zimmern aber viel Flair, gute Bio-Küche, Simona Pisciotta, Tel. +39 337/24 74 40, www.galleriarosazza.com.
  • Rifugio Coda, CAI, Anfang Juli bis Anfang Sept., Mitte Mai bis Mitte Okt. an Wochenenden, HP / AV 53 / 46 €, Christina und Laura Chiappo, Tel. +39 015/256 24 05 oder 393/573 40 10, www.rifugiocoda.it

Ausrüstung

  • Umweltfreundliche Bekleidung, Rucksäcke und Schuhe zum Trekken und Weitwandern findest du hier.
  • Hier findest du die Lieblingsprodukte von Antje von Dewitz für ihre Alpenüberquerung.

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