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Biivouac Teamrennen

Warum tue ich mir das nur an? Wie komme ich auf diese bescheuerte Idee mit einem EWS-Profi ein Enduro Rennen im Zweierteam zu fahren???

Leider muss ich zugeben, dass ich mir das Ganze zum Großteil selber zu zuschreiben habe. Aber dazu gleich mehr.

Das Biivoauc Rennen findet schon seit mehreren Jahren an immer verschiedenen Austragungsorten statt. Ziemlich unbekannt bei uns, in Frankreich aber ein Saison-Highlight, in dessen Genuss nur eine Handvoll Teams jedes Jahr kommen. De facto handelt es sich bei dem Rennen um die Originalvorlage des bei uns bekannteren (Bericht von Jakob und mir findet ihr hier) Enduro2-Rennens.

Dieses Jahr findet das Rennen in Guillestrois Queyras im Departement Haut Provence statt. Die gigantischen Berge und wunderbaren Aussichten vom Col Agnel und Col d`Izoard kennt der ein oder Andere sicher von den Fernsehbildern der Tour de France. Noch besser als die berühmten Rennradpässe sind hier aber die Trails abseits befestigter Straßen. Ein wahres Trailparadies und absolut würdiger Austragungsort für das Biivouac 2018.

Bevor es mit dem Rennbericht weitergeht, muss ich – wie versprochen – noch etwas zu den Hintergründen loswerden.

Die Chance auf einen Startplatz (der netter Weise von Vaude gesponsert wurde) kann ich mir in Anbetracht dieser legendären Veranstaltung fast nicht entgehen lassen. Die Bedingung vom großzügigen Sponsor ist allerdings, dass ein deutsch-französisches Team die grüne Ader von Vaude bei diesem dreitägigen Abenteuerrennen vertritt.

Mein Teampartner wird mir von Tina Jauch (Marketing Vaude) als Francois vorgestellt. „Vielleicht kennst du den ja?“ Ähhh…. François? Enduro-Profi? Ich kenne einen François Bailly-Maître?! Das ist einer der schnellsten Endurofahrer auf dem Planeten. Gerade hat er bei der EWS in La Thuile den 11. Platz gemacht und nur eine Woche vorher, hat er mit einem zweiten Platz beim Marathon-Etappenrennen BC-Bikerace sogar Karl Platt abgehängt. „Ja, genau der!“ Meint Tina und lässt mir damit kurzfristig das Herz eine Etage tiefer rutschen.

Etwas nervös bin ich also schon als wir in Guilestre in der Nähe von Briançon einrollen. Dass die Startnummernausgabe auf dem Gelände des örtlichen Friedhofes aufgebaut wurde, verbessert mein flattriges Nervenkostüm auch nicht unbedingt. Naja, erstmal tief durchatmen und die allgemein heitere Stimmung aufsaugen. Vielleicht hilft das ja etwas.

Nachdem die Nummern montiert, die Bikes verladen und alle begrüßt sind, werden wir mitsamt unserem spärlichen Gepäck (20kg inkl. Ersatzteile müssen für die nächsten 3 Tage reichen) in die Berge verfrachtet. Nach gut einer Stunde Gekurve durch die spektakuläre Berglandschaft erreichen wir unseren Campingplatz für die nächsten zwei Tage. Ruhig, idyllisch und aufgrund der Höhe etwas frisch, das beschreibt unser Camp nahezu am besten. Ein großes Bier und das erstaunlich leckere Abendessen sorgen für die nötige Beruhigung und so falle ich, nach einem mir völlig unverständlichen französischen Briefing, in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

Tag 1

6.15h: Verdammt, dieser sch… Wecker klingelt verdammt früh und dazu ist es noch dunkel und a….kalt! Die Nacht hat es ordentlich abgekühlt und es fällt mir schwer mich aus meinem warmen Daunenschlafsack zu befreien. Immerhin waren wir vorgewarnt, dass es nachts aufgrund der Höhe von knapp 1800 m doch recht kalt werden kann.

Die Zeit rennt und nach dem Frühstück mit Kaffee, Müsli und Baguette (die selbstgemachte Konfitüre und der Lavendelhonig sind der Knaller) mache ich mich möglichst schnell abfahrtbereit. Zum Glück können wir heute die Sachen im Zelt lassen, dass spart die nötigen Minuten um pünktlich im Shuttlebus zu sein.

Hier heißt es jetzt nochmal Kräfte sammeln und Aussicht genießen. Der Start liegt am Col Agnel auf etwas über 2800 m ü. M. Nicht nur die Höhe lässt die erste Stage des Rennens gewaltig wirken. Neben der atemberaubenden Kulisse, sind auch die bevorstehende 1200 Tiefenmesser eine ordentliche Ansage.

Da mein Teampartner in Frankreich absoluten Promisstatus genießt, dürfen wir netterweise als erste auf die Strecke. Die erstaunlich flowige Abfahrt macht nicht nur mir Spaß; auch François ist in seinem Element und während ich mich – schnaufend vom Downhill – die kleineren Gegenanstiege hochkämpfe, fliegt er schon wieder in die nächste Abfahrt. 22 Minuten später sind wir im Ziel. Während ich mich freue, dass ich an einem Stück unten angekommen bin, zählt Francois im Rennfieber schon die Sekunden. Aber klar, Profi wird man halt nicht einfach so….

Nach einer kleinen Mittagspause – allein das lässt erahnen wie lange Stage 1 am Ende war – gibt es noch drei „normale“ Stages rund um das beschauliche Dörfchen Abries. Zur allgemeinen Begeisterung finden diese größtenteils auf den recht unbenutzten und schönen Strecken des lokalen Mini-Bikeparks statt. Großer Pluspunkt hier: Es gibt einen sehr flotten Sessellift! Francois nutzt die Pausen im Lift um mir Tipps zu geben, damit ich hinterherkomme. Trotzdem muss ich auch die restlichen Stages des Tages ordentlich um den Anschluss kämpfen.

Dass ich mich etwas über meinem persönlichen Limit bewege, merkt man mir wohl an. Noch beim Abendessen im Camp werde ich („l’allemand“) des Öfteren gefragt, wie es ist, mit François zu fahren. Die Verkündung der Tageswertung im direkten Anschluss an ein wirklich leckeres Menu, ist schon fast so gut wie das Dessert. Platz vier (meine Fahrzeit!) finde ich ganz gut und mit dieser kleinen Motivationsspritzen schlafe ich heute wirklich schnell und unter einem beeindruckenden Sternenhimmel ein.

Tag 2

…beginnt eine Stunde später und als ich aus dem Zelt krieche ist es schon fast hell. Das Frühstück ist gut, aber identisch mit dem vom Vortag. Auch der Shuttlebus ist derselbe. Lediglich das Ziel der Reise heute ist etwas niedriger als gestern, aber dafür umso bekannter. Am Col d`Izoard können wir einen genialen Sonnenaufgang genießen, bevor es noch ca. 150 Höhenmeter zum Start des heutigen Renntages hinaufgeht.

Zum Wachwerden gibt es ein paar sandige Spitzkehren. Ich fühle mich heute deutlich besser und als sich der Staub hinter François gelegt hat, bin ich nur ein paar Sekunden hinter ihm im Ziel. Geil…und nebenbei auch ein sehr geiler Trail.

Stage zwei ist anscheinend einer der bekanntesten Trails der Gegend. Ich lasse mich überraschen – bleibt mir ja eh nix anderes übrig. Mein Vorfahrer startet zügig in den ersten rasanten Teil. Schnell wird der Trail gröber und lustiger. Nach den ersten engen Kehren bin ich schon fast etwas irritiert, dass François immer noch vor mir fährt. Entweder es läuft bei ihm extrem schlecht, oder bei mir extrem gut, anders ist das nicht zu erklären. Aber egal, die Hauptsache ist, dass die Abfahrt absolut genial ist.

Umso dramatischer kündigt sich eine kleine persönliche Katastrophe an. Meine Kette macht plötzlich seltsame Geräusche und befindet sich offensichtlich nicht mehr da, wo sie hingehört. Da auch mehrere Trittversuche die Kette nicht wieder auf Kurs bringen, sollte ich unbedingt anhalten um schlimmeres zu vermeiden. Ein absolutes Dilemma! Es läuft bei mir und ich klebe immer noch am Hinterrad eines EWS-Profis; ein Teufel werd ich tun und anhalten – Never!

Wie ihr schon vermutet war das leider die falsche Entscheidung, und so verabschiedet sich meine Kette zusammen mit einigen Speichen und meinen Schaltwerk in einer der nächsten Kehren. Mérde!

Ohne Kette und ohne Bestzeit – aber immerhin doch noch mit Heiden Spass – fahren wir den Rest der Stage zusammen. Zu meinem Glück wartet das Servicemobil direkt am Ende der Abfahrt. So kann ich diesen Kampf den Profis überlassen und mich schon mal auf den kommende Anstieg mit knackigen 1000 Höhenmeter vorbereiten.

Ein lauter Knall beendet meinen Mittagsschlaf und auch fast mein Rennen. Das krumme Schaltauge wollte sich anscheinend nicht herrichten lassen und hat sich vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet. Kurz hadere ich mit meinem Schicksal, aber es hilft ja nix. Der Anstieg hat gute 1000 Höhenmeter und die zwei verbleibenden Stages – sowie das bevorstehende Mittagessen – warten und dass will ich mir dann doch nicht entgehen lassen.

Ohne Kette bergab ist ja noch ganz lustig, aber ohne Kette bergauf, das nervt. Insgeheim hoffe ich auf einen der Teilnehmer mit Ebike als Zugpferd. Allerdings sind die Akkus wohl noch nicht so gut, wie ich das gerne hätte. Alle müssen ihre Kräfte, bzw. Batterien sparen und so muss ich halt den Grossteil des Anstiegs wandern.

Ein klarer Vorteil in dieser schönen Gegend, denn man kann mit der deutlich reduzierten Geschwindigkeit, viel besser die grandiosen Aussichten geniessen. Stay postive!

Die folgenden zwei Stages sind zu meinem Glück eigentlich eine. Da sich etwa auf halber Strecke eine sehr gefährliche Stelle befindet, wurde diese ansonsten sehr lange Abfahrt in zwei Stages geteilt. Ohne Kette kann ich dem schnellen Franzosen wirklich nicht mehr folgen und ich versuche den Trail zum einen zu genießen, und zum anderen so schön zu fahren, dass ich in den vielen Kehren möglichst wenig Schwung verliere. In zwei langen Flachstücken wartet François, um mich dann rennend ins nächste Steilstück zu schieben. Ein wahrer Sportsmann! Am Ende verlieren wir gar nicht all zuviel Zeit auf die Spitzenteams und haben auch noch richtig Spass auf den Trails. Dass wir unseren vierten Platz trotzdem noch verteidigen können, begeistert unsere Mitstreiter und so kann ich mich abends nicht über mangelnde Hilfeleistung bei der Reparatur meines Bikes beklagen. Merci beaucoup!

Tag 3

Heute wieder ein Frühstart. Der erste Anstieg ist lang und die ersten Teams starten schon um 7.30 Uhr. Kein Shuttle heute. Die Höhenluft und die zwei vorherigen Renntage merkt man schon in den Knochen und so ist die Aussicht auf dem Gipfel entsprechend hart verdient.

Auf der Stage ist das dann aber alles vergessen. Ein toller alpiner Singletrail, mit beeindruckender Aussicht auf die umliegenden Berge, sorgt für einen gelungenen Start in den Tag. Anscheinend ist heute der Bike & Hike Tag (ist ja auch Sonntag) und so bleiben die Bikes zwischen den Stages fast durchgängig auf den Schultern. Ein toller Tag!

Auf der vorletzten Abfahrt passiert es dann (wieder): Nach den ersten sehr schnellen und offenen Metern vergewissert sich François kurz nach meinem Wohlergehen. Da ich direkt hinter im bin sprintet er mit Elan in das folgende Flachstück. Ich versuche zu folgen, aber das Röllchen meines ramponierten Schaltwerkes ist da anscheinend andere Meinung. Frustriert mache ich mich an die Demontage der defekten Teile. Als ich weiterfahren kann, ist François schon längst über alle Berge. Wenn`s läuft, dann läuft`s!

Da auch das Rennen für uns gelaufen ist, beschließen wir den letzten Trail einfach zu genießen. Erstaunlicherweise ist das einfacher als gedacht. Der Trail ist – auch ohne Kette – einer der besten die ich je gefahren bin. Hunderte von herrlichen Kehren versüßen uns den Abschluss dieses außergewöhnlichen Rennens. So schnell werde ich das wohl nicht vergessen. Auch François ist begeistert; obwohl er mich noch fast 150 Höhenmeter ins Ziel schieben darf. Merci beaucoup, coéquipier!

Fazit: Das Biivouac ist ein sehr familiäres Teamrennen im Enduroformat. Besonders begeistert hat mich die entspannte Atmosphäre und die tolle Gegend der Hochprovence. Die Veranstalter suchen nicht nur die nächste Superlative, sondern bieten den Teilnehmer ein nachhaltiges Abenteuerpaket in beeindruckender Natur. Daumen hoch!

Für die Rennfahrer: Idealerweise empfehle ich ergebnisorientierten Kandidaten die Teilnahme mit einem in etwa gleich schnellen Partner, wer einfach Spass und ein tolles Wochenende haben will, der kann auch mit mir fahren 😉

Text: Daniel Eiermann

Fotos: Daniel Eiermann, Endurotribe/Antoine Bussier

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