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ANA’S PYRENEAN WAY WEST – Von Meer zu Meer über die wilden Pyrenäen – PART II

Verloren im Nebel – mein erster alpiner Notfall

Gegen Ende eines Tages, im Abstieg zu dem kleinen Ort El Serrat in Andorra sammle ich einmal wieder außerordentlich viel Müll, während die Sonnenstrahlen beschwichtigend meinen Rücken streicheln. Um im Gegenanstieg Zeit zu sparen trampe ich hinauf nach Arinsal und beginne dort gegen halb vier meinen letzten Aufstieg zu der Scharte neben dem Pic de Tristagne (2.878m). Wenn das Wetter hält, will ich noch auf den Gipfel gehen, und dann auf der anderen Seite des Grates wieder auf französischem Boden, in der Nähe des Refuge de l Ètang-Fourcat am See biwakieren.

Bevor ich aufsteige schaue ich noch einmal aufs Wetter. Für rund um 14 Uhr war ein Gewitter angesagt, das aber nicht gekommen ist. Der Himmel ist weitgehend blau, nur im Süd-Westen sind ein paar kleine verdächtige Wolken, aber die sind so weit weg, dass sie mir noch keine Sorgen machen. Bevor daraus ein Gewitter werden kann, habe ich die 500 Höhenmeter und wenigen Kilometer Richtung Nord-Ost, und gegebenenfalls zur Hütte, bestimmt geschafft – denke ich.

Nebel kommt schneller als erwartet

Der Aufstieg ist zunächst leicht und schön, später geht es steiler durch Geröll und die ohnehin schlecht sichtbaren gelben Markierungen werden immer seltener. Als hätte denjenigen der sie gemacht hat hier irgendwann die Motivation verlassen. Langsam zieht etwas Nebel aus dem Tal herauf und ich bewundere ihn noch, mache Fotos und freue mich über die magische Aussicht. Als ich keine Markierung mehr finde, folge ich meinem GPS-Track, der den Weg deutlich anzuzeigen scheint. Die App, mit der ich den Track erstellt habe, basiert (wie viele gängige Routenplaner) auf Open Street Map. Bisher hat sie mich hier nicht enttäuscht. Ab und zu vergleiche ich den Weg sicherheitshalber mit der Garmin App, die meinen Standort über mein GPS-Gerät synchronisiert und zusätzlich noch andere Kartendaten abruft. Im Nebel erreiche ich den Punkt, der mir von beiden Geräten als höchster Punkt des Weges angezeigt wird. Oben ist ein Steinmännchen, ich bin also sicher richtig – denke ich.

Scheinbar harmloser aufziehender Nebel

Im nun dichten Nebel sehe ich zwar noch einige Meter weit, aber den Himmel sehe ich nicht mehr. Schon vor einer Weile habe ich entschieden, keinen Abstecher mehr auf den Gipfel zu machen. Ich bin seit bald neun Stunden unterwegs und freue mich auf etwas zu Essen und eine Mütze Schlaf.

Am Grat suche ich nun den Pfad, der auf die französische Seite hinab führt. Aber hier erinnert nichts an einen Weg, nirgends finde ich eine Markierung. Stattdessen ist es einfach nur sehr steil und felsig. Ich weiß zwar, dass es zum See hinunter nur noch 230 Höhenmeter sind und zur Hütte etwa 2 Kilometer, aber von hier aus gesehen verliert sich alles im weißen Nichts. Als normaler Abstieg sind 230 Höhenmeter nicht viel, hinunterfallen will ich das aber nicht. Etwas weiter östlich wird ein weiterer Weg angezeigt, interessanterweise der Einzige, der von meiner Papierkarte auch aufgeführt wird, wie ich jetzt feststelle. Er führt dort vom Gipfel aus ins Tal hinab zur Hütte. Aufgrund der schlechten Sicht habe ich aber wenig Lust, auf dem Grat herum zu klettern um diesen Weg zu finden, der ohnehin ein gutes Stück weit weg sein muss.

Erster Konakt mit einem zukünftigen Freund

Auf der Südseite, von wo aus ich komme, habe ich noch Handynetz von Andorra, und so rufe ich auf dem Refuge de l’Étang Fourcat an und erkläre meine Situation. Ich sage auch, dass ich hier oben biwakieren werde, wenn ich den Weg nicht finde, da der Nebel recht dicht ist, und ich kaum etwas sehen kann. Der Wirt, Guillaume, fragt mich nach einem Steinmännchen. Er sagt dann, dass der Weg direkt dahinter nach rechts abzweigt. Ich weiß, dass ich dort kein Netz mehr habe, wir vereinbaren also, dass ich mich wieder melde, sollte ich zurück zum Grat kommen um zu biwakieren. Ich mache mich vorsichtig an den Abstieg. Ich denke, dass es ja sein kann, dass die letzten Meter des Weges zum Grat einfach mit etwas Kletterei verbunden sind, und denke, dass ich weiter unten dann sicher auf den Pfad treffen werde. Guillaume hat gesagt, der Weg sei markiert, ich versuche also, so gut es im dichten Nebel geht, nach Punkten Ausschau zu halten, aber da ist nichts. Der Fels ist locker, es ist keine angenehme Kletterei, einzelne Griffe lösen sich plötzlich und brechen weg und mir wird unmissverständlich klar: Das hier ist kein Weg.

Ich gebe also auf und klettere mit dem Plan zum Grat zurück, um dort zu biwakieren. Da höre ich zum ersten Mal den Donner. Bald darauf blitzt es, was ich durch den dichten Nebel nur diffus erkennen kann. Natürlich ist es auch keine gute Idee jetzt hier oben zu bleiben. Ich rufe also nochmal auf der Hütte an, und sage, dass ich zwar nicht glaube, dass ich hier richtig bin, dass ich aber wegen dem Gewitter trotzdem versuchen will, zumindest ein Stück weit hinunter zu klettern. Ich bin mir schon jetzt nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, aber mir fällt auch nichts Besseres ein. Ich verspreche nicht zu viel Risiko einzugehen, und denke kurz darauf, dass das unter den Umständen eigentlich ein absurdes Versprechen ist. Guillaume sagt, dass er mir entgegenkommen will, aber erst später loskann, weil er die Hütte allein bewirtschaftet. Ich verstehe das natürlich und es bringt ja auch nicht so viel, schließlich können wir uns gegenseitig bei dem Nebel nicht sehen.

Wunderschöne Landschaften, bei Nebel und Gewitter jedoch lebensgefährlich

Vom Regen in die Traufe, SOS

Die folgenden Kletteraktionen meinerseits sind unangenehm. Ich bin jede Sekunde hochkonzentriert, überprüfe jeden Tritt und Griff und bewege mich ruhig und langsam. Als ich eine Nische im Fels erreiche, in der ich sitzen kann, mache ich eine kurze Pause. Da fängt es wie auf Kommando an stark zu regnen. Jetzt ist mir klar, dass ich nicht weiterklettern kann, denn der nasse Fels, der in das weiße Loch unter mir hineinzufallen scheint, ist für mich unüberwindbar. Ich ziehe mich also schnell wärmer an, soweit das in dem sehr kleinen Eck des Felsens geht, und setze mich in den Biwaksack. Die Metallgegenstände deponiere ich so weit von mir entfernt wie möglich – weit ist das nicht – und lege meinen Rucksack darauf. Als es dann auch noch beginnt zu hageln und von oben kleine Steine fallen, setze ich meinen Helm auf. Es fühlt sich an, als könne jederzeit der lockere Fels über mir in Bewegung kommen und ich kann nicht einschätzen wie groß die Gefahr ist, dass der Steinschlag noch stärker wird. Da ich kein Netz mehr habe entschließe ich jetzt einen Notruf abzusetzen. Ich nehme also mein Garmin inReach Mini Gerät in die Hand, hebe die Klappe auf und drücke SOS. Keine zwei Minuten darauf bekomme ich die Antwort, dass mein Notruf eingegangen ist, und dass man die lokale Bergwacht informiert. Es folgt die Frage, wie viele Menschen betroffen sind und ob jemand verletzt ist. Es ist nicht einfach mit dem Gerät zu antworten, ein bisschen wie im alten T9 System, und ich nehme mir vor herauszufinden wie ich das Gerät so mit dem Handy synchonisieren kann, dass ich auch vom Handy aus schreiben kann. Nach einigem hin- und her gelingt es mir aber in dem nassen Sack sitzend eine Antwort abzuschicken. Dann sitze ich einfach da, warte ab, höre dem Trommeln auf meinem Helm zu, spüre wie an meinem Rücken das Regenwasser in den hastig ausgepackten Biwaksack läuft und die Kälte kriecht in meinen Körper. Die Sekunden vergehen schleppend.

Lichtschimmer

Als der Hagel nachlässt wage ich einen Blick nach draußen. „Ich kann sehen!“ sage ich laut, und fühle mich wie geheilt. Der Nebel ist weg und keine zehn Meter unterhalb von da wo ich sitze beginnt ein Schneefeld, das nach unten zum See hin flach ausläuft. Ich sehe sogar die Hütte, die auf der anderen Seite des Sees auf einer Anhöhe thront. Es ist wunderschön. Die Luft ist getränkt von blasslila schimmernder Feuchtigkeit, die kleinen Schneefelder, die sonst strahlen, sind wie vom Nebel gedimmt, feine Sonnenstrahlen kämpfen sich am Horizont durch die vielen verschiedenen Wolkenschichten. Kurz vergesse ich bei diesem Anblick meine Lage und mache sogar ein Foto, aber dann sehe ich unter mir am Fels wieder ziehenden Nebel, und der wirkt bedrohlich. „Ich muss da runter, dass muss gehen!“, sage ich laut zu mir selbst, und lasse den Rucksack stehen. Langsam und vorsichtig versuche ich an verschiedenen Stellen weiter hinunter zu klettern. Es ist so nah! Beim dritten Versuch wird deutlich, dass es einfach zu gefährlich ist. Die Aussicht, die Nacht hier in der Wand zu verbringen, in der es immer rutschiger wird, ist wenig attraktiv. Also treffe ich erneut eine Entscheidung: Solange die Sicht so gut ist, will ich zum Grat zurück klettern und den anderen Weg finden, der mir auf der Karte angezeigt wurde. Notfalls werde ich versuchen wieder Richtung Andorra abzusteigen, vielleicht ist dort weniger Nebel. Ich präge mir also noch einmal das Gelände unmittelbar um mich herum gut ein, ebenso wie meine gewählte Route nach oben, falls der Nebel wiederkommt. Dann stelle ich meinen Rucksack so hin, dass man ihn mit seinem grell blauen Regenüberzug mit einem Fernglas von der Hütte aus sehen kann, damit ich ihn morgen hier holen kann – denke ich.

„Ich kann sehen!“ Kurzer Blick ins Tal als sich der Nebel liftet

Die Kletterei zum Grat zurück ist gefährlich – da gibt es nichts zu beschönigen. Im Nachhinein kommen mir immer wieder einzelne Bilder davon in den Sinn, die mir mit etwas Abstand noch mehr Respekt einflößen. Aber während ich klettere, denke ich darüber nicht nach. Ich habe zwar kein Gewicht mehr auf dem Rücken, aber der Fels ist sehr rutschig und brüchig und überall liegt loses Geröll, das im Gewitter heruntergefallen ist. Ich brauche lange, weil ich mich ausführlich jedes Tritts und Griffs versichern muss, bevor ich ihn belaste und weil ich jede Bewegung vorausplane. Ich bekomme Nachrichten vom Notfallservice auf dem inReach in meiner Tasche, aber ich kann sie jetzt nicht lesen, meine Hände sind beschäftigt.

Als ich endlich oben angekommen bin, ist der Nebel wieder dichter geworden und es wird dunkel. Die Sicht ist im Großen und Ganzen auch nach Andorra hinüber schlecht, das Gewitter hat zwar nachgelassen, rumort aber noch unsichtbar über mir weiter und hier oben weht zudem noch ein starker Wind. Ich bin mir sicher, dass in diesem Wetter kein Helikopter fliegen kann, also schreibe ich eine entsprechende Nachricht und stoppe den Notruf. Ich rufe wieder auf der Hütte an. Ein Mann namens Pascal hebt ab und sagt, Guillaume ist unterwegs zu mir. Er sei von der lokalen Bergwacht kontaktiert worden, diese wiederum von meinem Notrufservice. Ich bin beeindruckt, was mich kurz ablenkt. Dann wird mir plötzlich sehr kalt und ich kauere mich auf dem Grat an einen kleinen Felsblock um mich vor dem Wind zu schützen.

Mehr Wirbel als erwartet

Mein Handy pingt jetzt mehrmals, weil ich wieder Netz von Andorra habe. Eine Nachricht von meiner Schwester: „Ana, ruf an!!!“. Mit einem Schlag wird mir klar, dass der Notrufdienst meine Familie informiert hat. Hastig rufe ich zu Hause an, das Telefon klingelt kaum als meine Schwester abhebt. „Ana??!!!“ Die Stimme werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Ich gebe Entwarnung, erkläre kurz, dass Hilfe unterwegs ist, sage dass es mir gut geht und dass ich mich später nochmal melden werde, wenn ich unten bin. Ich bemühe mich mit aller Kraft entspannt zu klingen und versuche zu vermeiden, dass man hört wie meine Zähne klappern. Ab jetzt sehe ich nur noch meine Familie vor mir, wie sie völlig besorgt oder gar panisch in der Küche sitzt und nichts tun kann. Damit ändert sich für mich alles, aber das wird mir erst später wirklich klar.

Inzwischen ist nicht nur mir kalt, sondern die tatsächliche Lufttemperatur ist ebenfalls deutlich gesunken. Es ist dunkel. Ich bekomme die ersten Krämpfe in den Unterarmen und Beinen.

Alle paar Minuten rufe ich auf der Hütte an, mir tut es gut Kontakt zu haben und wir bewahren den Humor. Pascal, der selbst eigentlich Gast auf der Hütte ist, kommuniziert von dort aus mit Guillaume über Funk und gibt ihm meine GPS Koordinaten durch. Ich gebe Lichtzeichen und rufe, sehe selbst aber keine und höre auch nichts.

Die Krämpfe sind schmerzhaft und nehmen zu. Meine Hände drehen sich nach innen, ich versuche sie an meinen Oberschenken zu reiben um die Krämpfe zu lösen, aber auch meine Beine verziehen sich komisch. Ich würde mich gerne bewegen, traue mich aber wegen immer noch vereinzelt auftauchenden Blitzen nicht, auf dem Grat herumzuturnen. Als ich zwischendrin mal versuche mich zu strecken, merke ich wie steif mein ganzer Körper geworden ist und dass es mir extrem schwerfällt, mich kontrolliert zu bewegen.

Rettung naht

Gerade als zum ersten Mal Angst in mir aufsteigt, sehe ich Guillaumes Licht und er sieht meines. Wir rufen und hören einander endlich. Der Wind muss unsere Rufe vorher verweht haben. Ich versuche mich langsam und in kleinen Bewegungen zu mobilisieren, denn der Abstieg liegt ja noch vor mir. Guillaume taucht schließlich unterhalb von mir auf, um zu mir zu gelangen müsste er einen großen Umweg gehen und so klettere ich die paar Meter zu ihm hinunter. Er leuchtet und hilft mir die Tritte zu finden und kurz darauf stehe ich tatsächlich neben ihm. Wir umarmen uns kurz ganz fest und er sagt „Mann, ist das gut, dich zu sehen Ana.“ Mir geht es genauso. Guillaume hat seinen Hund Django dabei, der aufgeregt vorausläuft. Wir klettern im ersten Stück langsam und vorsichtig, aber plötzlich geht es meinem Körper wieder besser. Dem Adrenalin sei Dank habe ich jetzt wieder genug Kraft. Wir sind bald auf dem Weg, zu dem ich gelangen wollte, ein bequemer, gut markierter Steig, den ich aber im Nebel nicht gefunden hätte. Oben, am Beginn des Abstiegs steht ebenfalls ein Steinmännchen… Den restlichen Abstieg gehen wir recht zügig so dass mir auch wieder etwas wärmer wird und wir unterhalten wir uns dabei geradezu ausgelassen.

Das Refuge de l’Étang Fourcat

Um halb 12 sind wir auf der Hütte. Ein paar Gäste sind wach geblieben und klatschen, als wir eintreten. Wie im Theater fällt mit dem Klatschen auch von mir eine große Spannung ab. Wir werden mit Tee und Suppe umsorgt und ich bekomme trockene Anziehsachen. Ich rufe meine Familie an und dann telefonieren wir mit der Bergwacht. Überall höre ich erleichterte Stimmen, ich aber bin plötzlich ganz aufgewühlt. Guillaume erzählt, dass die Bergwacht bestätigt hat, dass sie bei dem Wetter nicht hätten fliegen können, weshalb er dann angeboten habe, mich suchen zu gehen.

Die Gäste gehen schlafen, Guillaume und ich sind noch zu aufgeregt, um müde zu sein. Wir sitzen in der Küche und trinken ein Bier. Er erzählt, wie es ihm bei der ganzen Aktion ging. Er ist kein Bergführer, geschweige denn bei der Bergwacht. Außerdem ist er selbst erst seit drei Wochen der Wirt dieser Hütte und kennt die Region noch nicht ganz auswendig. Er hatte ja auch keine Ahnung wie ich unterwegs bin und also natürlich die Sorge, dass ich vielleicht Panik bekommen könnte, oder dass ich dem Abstieg nicht mehr gewachsen bin, oder oder oder. Dann hätte er mir nicht wirklich helfen können. Ich bin ihm unendlich dankbar für seinen Mut, seine Ruhe und seine Freundlichkeit und für die die Bereitschaft dieses Risiko auf sich genommen zu haben.

Zu viel erlebt um gut zu schlafen

Im Zimmer staple ich viele Decken über mich, mir ist noch immer kalt. Aber innerlich wird mir jetzt langsam warm und ich weiß, dass diese Wärme bald auch meine Fingerspitzen erreichen wird. Ich schlafe schlecht, rekapituliere jede Entscheidung, frage mich, ob und wenn dann wo ich einen Fehler gemacht habe. Immer wieder tauchen Bilder auf, von rutschigem Fels, von bröckelnden Griffen, von fallenden Steinen. Aber ich bin hier, unter den Decken, und alles ist noch einmal gut gegangen.

Als am nächsten Morgen alle Gäste weg sind machen Guillaume und ich gemeinsam die Zimmer und räumen auf. Dann steigen wir unten am See ins Kajak, um auf der anderen Seite des Sees aufzusteigen und meinen Rucksack zu holen. Wie eine Gallionsfigur steht Django am Bug, während wir uns durch die dicken hellblauen Eissschollen pflügen, die auf dem See schwimmen. Auf der anderen Seite angekommen sehen wir meinen Rucksack mit dem Fernglas. Der Anblick seines Standorts jagt mir einen ordentlichen Schrecken ein: Keine Ahnung wie es möglich war an dieser steilen Wand, ohne Sicherung und mit Rucksack auf dem Rücken, so weit nach unten zu klettern. Und das im nassen und bröckeligen Fels – was Adrenalin nicht alles möglich macht…

Gallionsfigur Django

Am Wandfuß angekommen wird deutlich, dass wir nicht ohne zusätzliche Ausrüstung zu meinem Rucksack gelangen. Wir sind uns einig, dass uns das Risiko von gestern Abend gereicht hat und kehren um. Über Funk ruft Guillaume bei der Bergwacht an. „Vielleicht können sie heute mal vorbeifliegen“ meint er, während wir auf die Antwort warten. Ich kann mir das nicht vorstellen, aber tatsächlich, sie sagen einfach: „Jaja, kein Problem, wir haben gerade eh einen Notfall in der Nähe und kommen auf dem Rückweg vorbei, dann können wir ihn einsammeln.“ Sie sind dankbar, dass wir die Situation gestern allein gemeistert haben. Und so wird doch tatsächlich am Nachmittag mein triefender Rucksack von der Bergwacht geborgen. Ich verteile den Inhalt zum Trocknen in der Sonne. Es wird eine Weile dauern bis das alles trocken ist, aber das macht mir nichts. Ich will sowieso ein paar Tage bleiben und Guillaume kann ein bisschen Hilfe gut gebrauchen.

Erkenntnisse des Notfalls: Demut, Stolz und Verantwortung

Die folgenden Tage sind insbesondere von drei Erkenntnissen geprägt. Erstens hat die Notsituation wieder einmal bewiesen, dass trotz aller Vorbereitung, tausender Apps und Vorhersagen, Karten und GPS Geräten immer etwas Unerwartetes passieren kann, das innerhalb kürzester Zeit alles verändert. Es ist gleichzeitig genau das, was für mich eine wesentliche Qualität des Bergsteigens ausmacht, und wodurch ich als Menschen so viel lernen kann: Ich bin hier oben niemals völlig Herrin der Lage. Ich bin sehr klein. Das so hautnah zu erleben hat mich wieder einen ganzen Zacken demütiger gemacht. Und Demut dem Berg gegenüber ist etwas, wovon man nie genug haben kann. Was diese Erfahrung dabei gleichzeitig überwältigend macht, ist es in dieser Kleinheit die eigene Kraft zu spüren und den eigenen Körper so zum Einsatz bringen zu können, dass ich am Ende heile herauskomme.

Das bringt mich zu zweitens: Ich bin froh und auch stolz, dass es mir gelungen ist, in jedem Moment der nebligen Stunden einen kühlen Kopf zu bewahren. Nie hatte ich auch nur den Anflug von Panik und die aufsteigende Angst, konnte ich direkt in einen klaren Pragmatismus kanalisieren. In all der Demut gibt es mir Zuversicht und Vertrauen zu wissen, dass mein Körper und meine Psyche einer solchen Situation mit großer Zuverlässigkeit gewachsen sind.

Drittens denke ich viel darüber nach, wie gravierend ich plötzlich wahrnehmen konnte welchen Sorgen die Menschen um mich herum durch meine Situation ausgesetzt wurden. Für mich selbst war der schlimmste Moment die Erkenntnis, dass meine Familie Angst haben muss. Es gibt mir nachhaltig zu denken, dass das etwas ist, was mir bisher nicht so deutlich war: Ich trage bei meinen Alleingängen am Berg mehr Verantwortung, als nur für mich. Das empfinde ich als einen essentiellen Teil der Erfahrung, um die ich durch diese Notsituation reifer geworden bin.

Wild und frei, Freundschaft und Grenzen

Ich nehme von meinem Weg über die Pyrenäen also eine ganze Menge mit. Wider Erwarten war diese Tour wirklich völlig anders als meine Alpenüberquerung. Immer wieder begegnete mir das Thema Freundschaft und überhaupt haben zwischenmenschliche Themen meine Gedanken geprägt. Vielleicht liegt das auch daran, dass weniger Menschen unterwegs sind und ich so viel Zeit hatte über sie nachzudenken, und dass andererseits dadurch die einzelnen gemachten Begegnungen umso intensiver waren. Intensiv, das beschreibt auch den Charakter der Pyrenäen ganz treffend: Sie sind viel wilder als die Alpen, weniger besiedelt und die Wege sind weniger ausgebaut. Über weite Strecken war ich in unmarkiertem Gelände unterwegs und bin über große Schneefelder durch tiefe Stille gegangen. Außerhalb der Nationalparks ist zudem (noch) fast überall zelten oder biwakieren erlaubt, wodurch man sich sehr frei bewegen kann und es gibt viele offene unbewirtschaftete kleine Hütten oder Unterstände.

Obwohl die Pyrenäen insgesamt weniger hoch sind als die Alpen – der Pico de Aneto ist mit 3.404 Metern der höchste Berg – wirkt die Landschaft vielerorts schon auf geringerer Höhe hochalpin. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Massive größtenteils aus Granit bestehen, obwohl hier auch der höchsten Kalksteinberg Europas, der Monte Perdido (3355 m) liegt. Vielleicht war aber auch das Jahr 2018 besonders, denn nach dem starken Winter lag auch im August noch viel Schnee.

Nicht nur der häufige Wechsel zwischen den Ländern hat mich oft über Grenzen nachdenken lassen. Die Pyrenäen haben mich auf andere Weise gefordert als die Alpen, und ich ahne, dass es mir mit jedem weiteren Gebirge, das ich noch entdecke, ähnlich gehen wird. Man sagt, dass man mit jedem neu entdeckten Gebirge als Bergsteigerin von vorne anfängt. Daran musste ich unterwegs immer wieder denken. Denn das bedeutet für mich auch, dass jeweils neue persönliche Prozess ausgelöst werden können. Schon längst weiß ich, dass die Berge mit unserem Inneren korrespondieren. Für mich bedeuten die Berge nicht nur unermessliche Naturerlebnisse, sondern sie bieten durch Reflektion, Inspiration und die Auseinandersetzung mit Grenzen und ihrer Erweiterung, auch wertvolle Möglichkeiten zur menschlichen Weiterentwicklung. Ich jedenfalls bin gespannt welche Welten sie mir noch eröffnen werden und ich freue mich auf meine nächsten Projekte.

Du willst wissen, wie Ana ihre Tour gestartet hat und welche Erkenntisse sie dabei machen musste? Dann klicke hier.

Über mich:

Mein Name ist Ana, ich bin in schönen Chiemgau aufgewachsen und ich liebe die Berge. Die Natur und die Berge zu respektieren und zu schützen ist einer der wichtigsten Aspekte für mich am Bergsteigen. Denn die Berge sind kein Fitnesspark, sondern bedeuten Freiheit und Verantwortung gleichermaßen. Ob beim Wandern, Bergsteigen, Klettern oder Splitboarden; beim Biwakieren unter dem Sternenhimmel oder in den Begegnungen mit Menschen; auf einem Gletscher, im Fels, auf einem Wanderweg oder im weglosen Gelände: die Berge sind meine Meister und weisen mir in ihrer ruhenden Weisheit einen Platz zu, den ich selbst nicht besser finden könnte.

Es ist manchmal eine große Herausforderung, den Erwartungen an mich selbst gerecht zu werden. Als ehrgeizige und auch leistungsorientierte Frau empfinde ich mich oft als Getriebene. Das damit einhergehende Tempo überblendet dann die Tatsache, dass ich auch sensibel, verletzlich, oder manchmal auch einfach mut- oder motivationslos bin. Ich möchte beides offen sein können, ohne dabei ungesunde Kompromisse zu machen oder von anderen in Kategorien gesteckt zu werden. Ich bemühe mich also darum, genau mit dieser Dualität als Frau offen umzugehen. Zu den Erwartungen an mich gehört aber ebenso auch der Ansatz, auf meinen Wegen einen minimalen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen, was manchmal sehr schwierig ist. Ich will auch hier ehrlich mit Möglichkeiten und Grenzen umgehen und offen darüber sprechen, wo ich selbst hier auch scheitere.

Wie man daran vielleicht erkennen kann, verbinden sich mit meinen sportlichen Aktivitäten immer auch politische, soziale oder gesellschaftliche Themen. Das Schreiben über diese Themen im Kontext der Berge, und dem was ich in ihnen erlebe, ist zu einem Lebensmittelpunkt für mich geworden.

Am 2. Oktober erschien ihr erstes Buch „ALPENSOLO – Allein zu Fuß von Ost nach West“ bei MALIK (Piper).

 

Text und Bilder: Ana Zirner

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