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Fritz Miller: 5-Zinnen-Überschreitung

Fünf-Zinnen-Überschreitung von Ost nach West


Wie viele Gipfel haben die Drei Zinnen? Keine Ahnung, aber es sind sicher ein paar mehr als drei. Blickt man auf die berühmte Nordseite, am besten genau von Norden, sieht man fünf markante Klettergipfel und, etwas zurückgesetzt, die westlichen Ausläufer der Gruppe. Das lädt zum „Drüberrumpeln“ ein, finde ich. Jedenfalls stehen Xari und ich jetzt unter der Nordostwand des Preußturms, mit dem Plan, die „Fünf Zinnen“ zu überschreiten. Es ist Ende August, vor uns liegt ein Tag mit bestem Sommerwetter – und eine lange, lange Tour... Los geht’s! Ich starte in den Preußriss, den wir in einer langen Seillänge klettern, gleichzeitig, mit 50 m Seil zwischen uns. So kommt man gut voran, außerdem hat Xari seine Ruhe und bleibt von den Erzählungen aus meiner Jugendzeit verschont. Erst am Gipfel treffen wir uns wieder und seilen ab in Richtung Punta di Frida, unserem nächsten Ziel.

Franz-Xaver Mayr, genannt Xari, 21 Jahre alt, wurde im Wettersteinbruch groß (wenn auch nicht sehr groß), was ihm an der Punta di Frida zugutekommt: Der Fels ist eher schlecht, ich glaube überall, aber ganz besonders, wenn man nicht den besten Weg trifft... Wir wursteln uns durch die Nordwand (Dülfer-Führe), klettern über den Gipfel und sind am Ende erleichtert, als der Bruchhaufen hinter uns liegt. In der klassischen Innerkofler-Führe an der Kleinen Zinne ist dann wieder normales Klettern angesagt, also mehr oder weniger normal, denn erneut klettern wir die ganze Route in nur einer Seillänge.



Über die Abseilpiste in der Westwand und die Schlucht zwischen Kleiner und Großer Zinne erreichen wir den Einstieg der Dibonakante. Es ist zehn Uhr und in der Tour herrscht reger Betrieb. Xari übernimmt die Führung. Es gilt nun, an den anderen Seilschaften vorbeizusteigen, ohne sie zu gefährden oder auszubremsen. Aber die Leute sind alle gut drauf und wir passen aufeinander auf.Wir treffen zwei Opis aus Österreich, über 70 Jahre alt, die zusammen klettern. Respekt! Weiter oben unterhalte ich mich am Standplatz mit einem Südtiroler. Er zeigt auf die Menschenmassen am Paternsattel: „Die warten alle darauf, in die Dibona einsteigen zu können“. Beste Stimmung also, genau wie am Gipfel, wo wir Hans Kammerlander treffen. Er gibt uns noch Tipps für den Weiterweg und wir machen ein paar Gipfelbilder mit ihm. Xari hat seine neue Knipse dabei, vor der Tour noch schnell aus dem Karton geholt. Die Bedienung ist einfach, aber wie wir später feststellen werden: ohne Speicherkarte gibt’s auch keine Bilder…

Abstieg von der Großen Zinne: Wir folgen dem Normalweg, queren die Südwand Richtung Westen, steigen eine Rinne ab, die nächste wieder hoch und zuletzt durch eine wenig einladende Schlucht nach Norden, zum Einstieg der Demuthkante. Die Route ist sehr schön, auch wenn ich im Mittelteil etwas vom Weg abkomme. Doch wir treffen die richtige Route bald wieder und Xari führt den Rest. Am späten Nachmittag stehen wir dann auf dem Gipfel der Westlichen Zinne. Hinter uns liegen rund 60 Seillängen Kletterei, überwiegend im 4. und 5. Schwierigkeitsgrad, teils auch leichter. Und natürlich ein paar Abstiege, die auch nicht ohne sind. Das mag jetzt vielleicht nach einem besseren Wanderausflug klingen, aber ich finde in den Dolomiten muss man in diesen Graden schon klettern, und das am besten ohne runterzufallen. Wie auch immer, wir sind guter Laune und auch nicht besonders erschöpft. Meine konsequente Vorbereitung hat sich also gelohnt: Strandurlaub an der Ostsee und ein paar Touren in der heimatlichen Kletterhalle... Aber ok, wir müssen auch noch runter. Also nochmals konzentrieren. Der Normalweg schlängelt sich elegant durch ein Labyrinth aus Türmen, Bändern und Schluchten. In Gedanken ziehe ich den Hut vor der Leistung des Bergführers Michel Innerkofler, der diesen Weg im Sommer 1879 ausgetüftelt hat. Und ich denke an den Belgier Claude Barbier, der die fünf Gipfel 1961 an einem Tag bestieg, im Alleingang, über Nordwandrouten…



Fazit: Die Fünf-Zinnen-Überschreitung von Ost nach West ist eine logische und empfehlenswerte Traverse, deren Schwierigkeit und Länge je nach Auswahl der einzelnen Routen natürlich recht unterschiedlich ausfallen kann. Bei der hier beschriebenen Variante ist die Felsqualität überwiegend gut und die Kletterei lohnend – abgesehen von der Überschreitung der Punta di Frida. Hier gilt es gut aufzupassen, auch um möglichst keine Steine zu lösen! Die Abstiege nach Norden durch die Schluchten sind gefährlich, besonders wegen möglichem Steinschlag. Dort nicht trödeln! Wir waren insgesamt rund 13 h unterwegs. Allerdings war das Gelände für Xari im Wesentlichen Neuland und ich kannte auch nicht alle Routen. Und wir sind, abgesehen von einer Erkundungstour am Vortag, nie zuvor zusammen geklettert. Eine schnelle, ortskundige Seilschaft sollte also zum Kaffeetrinken zurück sein, alle anderen packen besser die Stirnlampen ein. Wir hatten am Vortag zwei Depots angelegt, unter der Kleinen Zinne Westwand und am Einstieg der Demuthkante. Stilistisch natürlich nicht perfekt, aber wir wollten möglichst leicht klettern. Deshalb von mir fünf von fünf Sternen!



Text: Fritz Miller

Materialempfehlung
50-m-Einfachseil
Rocks 3-9
Cams 0.3-2
Hammer + kleines Hakensortiment
Rücklaufsperren fürs Simultanklettern
Dünne Lederhandschuhe für die nordseitigen Abstiege
Unser Zeitplan

Start der Tour mit Einstieg Preußriss: 6:15
Gipfel Preußturm: 7:04
Gipfel Punta di Frida: 8:28
Gipfel Kleine Zinne: 9:10
Einstieg Dibonakante: 10:05
Gipfel Große Zinne: 12:16
Einstieg Demuthkante: 14:00
Gipfel Westliche Zinne: 17:09
Zurück am Parkplatz, Ende der Tour: 18:52
Gesamtzeit: 12h37
Nil
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